Handlungsort/ Setting: Strehaia, Bukarest, Temeswar, Amerika

Projizierter Ort/ Projected place: kein

Route: Westen – Osten

Handlungszeit/ Time of action: 1945-2000

Marker: Paris, Katalonien

Temeswar

“schäbige Häuser, die fast auseinanderfallen” (…) Ziegelsteine, „die vom Himmel fallen, auf eine Stadt, die sich auflöst.“ (Zaira 2008, S. 40)

„Ich bin vor einer Woche in Timişoara gelandet, auf einem Flughafen, der von grasenden Kühen eingeschlossen war. Sie haben nicht einmal die Köpfe gehoben, als wir über sie hinweggeflogen sind. Das Land schien nach allen Seiten unendlich flach zu sein.“ (Zaira 2008, S. 40)

„Haus, das altersschwach geworden ist und nichts mehr bei sich halten kann. Bald wird es auch seine Möbel, Fernseher, Schränke, Teppiche, Betten, sein Geschirr, seine Buchregale, seine Klaviere, Fußböden, Badewannen, Spiegel, Türen, seine Bilder und seine Einwohner verlieren.“ (Zaira 2008, 40)

Temeswarer Puppentheater

„Es gab dunkle Räume, wo die Puppen übereinandergeworfen lagen, schmutzig und vergessen, als ob man sie dorthin verbannt hätte, sobald sie nutzlos geworden waren. Der Staub lag fingerdick auf ihnen. Ihre Glieder und Körper waren verrenkt, Hände und Füße ausgerissen, manche Köpfe ebenfalls. Sie harrten dort in der Hoffnung aus, dass man sie eines Tages wieder brauchen würde. Oder bis die Zeit ihre Arbeit erledigt hätte.“ (Zaira 2008, S. 135)

Temeswarer Restaurant

„Die Kellner verbeugten sich vor uns. Sie eilten herbei, als ob sie plötzlich in eine unerklärliche Unruhe geraten wären. Das galt auch für die übrige Kundschaft, die uns neugierige Blicke zuwarf. Wir wurden von allen Seiten gemustert, aus den beiden gut gefüllten Sälen, aus der Küche oder vom Garten her.“ (Zaira 2008, S. 171)

Strehaia –  Zairas Elternhaus

“kühle Wohnzimmer mit den Perserteppichen, den italienischen Möbeln und den Bildern. Dort standen die Bücher von Hugo, Balzac und von vielen anderen. Es gab böhmisches Glas und ein französisches Porzellanservice für zwanzig Personen, eine englische Truhe, auf der Mayflower stand, eine Kuckucksuhr ohne Kuckuck (….) Es hing ein Velázquez an der Wand,“ (Zaira 2008, S. 12)

„Ioana (Zairas Tochter) wollte immer dasselbe sein: eine Bäuerin aus Strehaia. Obwohl es Strehaia schon lange nicht mehr gab, so wie es Österreichungarn nicht mehr gab, als Zsuzsa sich gerne dorthin zurück wünschte. Noch später, von Washington aus gesehen, war Strehaia am Arsch der Welt. Eigentlich noch weiter darüber hinaus. Roberts und meine amerikanischen Freunde konnten Strehaia nicht einmal aussprechen, geschweige denn es sich vorstellen.“ (Zaira 2008, S. 24)

„Der Zaun stand schief, viele Holzlatten fehlten. Wie in einem fast zahnlosen Mund klafften die Lücken. Früher hatten wir keinen Zaun gebraucht, alles gehörte uns, jetzt zeigte diese löchrige Begrenzung an, was davon noch übrig geblieben war. Vom Zaun bis zur Veranda waren es kaum fünfzehn Schritte. Aber auch wenn alles verwaist war, war ich wieder zu Hause. (…) Manche Zimmer standen leer, und die Dielen knarrten. Die Möbel, die uns geblieben waren, hatte sie in zwei Zimmer geräumt, die sie bewohnte. Das Wohnzimmer und das hinter der Küche, das man gut heizen konnte (…) da sah man noch ein paar Obstbäume und den fast ausgetrockneten Fischteich. Man hatte vor fast drei Jahren alles zerstört, nachdem Mutter und ich nach Bukarest gezogen waren. Das Dorf brauchte Ackerland.“ (Zaira 2008, S. 157)

Bukarest der Zwischenkriegszeit

„In diesem Hotel habe ich die Hälfte meines Lebens zugebracht. Das Palace ist mehr als ein Hotel, es ist wie ein Klub. Ein Ort, wo Gerüchte lanciert werden, wo man alle findet, die irgendwie zählen: deutsche Nazis und Adlige, französische Diplomaten, amerikanische Journalisten, englische Spione rumänische Minister, Industrielle, Gardisten, Huren. In den Nischen des großen Salons war es immer schon still und diskret gewesen,“ (S. 64)

„Bukarest ist gewachsen und schöner geworden in den letzten Jahren. Man hat Straßen gepflastert und erweitert, die schönen Fords und Chevrolets verdrängen bald die Kutschen. Wenn die Nacht hereinbricht, füllt sich die Stadt mit bunten Lichtern. Die Männer sind fein und elegant angezogen, manche tragen Monokel und schauen uns Frauen auf die Beine. Natürlich ist es ein Gewimmel aus Handlangern und Bauern, die ihr Gemüse anbieten, und Laufburschen, die mit aller Art Post unterwegs sind. Als László mir den ersten Liebesbrief geschickt hat, oh, entschuldigt, das wollte ich nicht sagen. Ich gehe oft ins National-Theater und ins Bulandra-Theater, aber jetzt macht das Kino dem Theater Konkurrenz. Sie tauchen überall auf, die Kinos. (…) ihre Geliebten am Abend durch den Cişmigiu-Park führen,“ (S. 67)

Bukarest während des Krieges: „ Durch die Hauptstadt zog ein ganzer Strom von Menschen auf der Suche nach Lebensmitteln. Beamte, Dienstmädchen, Arbeiter und Fußvolk, die Stadt war in Bewegung geraten. Sie war nicht mehr eitel, sie war bescheiden und ärmlich geworden. Man ließ sie verfallen, unmerklich zwar, aber unaufhörlich. Der Rhythmus des Lebens verlangsamte sich.“ (S. 83)

Bukarest im Kommunismus

„Wir fuhren durch eine jämmerliche Stadt. Der Verfall und die Zerstörung waren noch nicht so weit gediehen, so wie man es später im amerikanischen Fernsehen zeigen sollte. Aber alles wirkte vernachlässigt. Geschmack war hier die erste Mangelware, erst danach kam der Rest. Diese Stadt, in der nicht nur die hitlertreue Eiserne Garde, sondern auch die Liebe meiner Mutter zu László Goldmann möglich gewesen war, diese Stadt voller Theater, Kabaretts und Frivolität, Chevrolets und Fords, englischer und deutscher Spione, sie war nach dem Krieg freudlos und träge geworden. Sie war eine Braut, deren Flitterwochen gleich in der Hochzeitsnacht zu Ende gegangen waren. Die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren angefangen hatte aufzublühen, aber bald schon wieder verwelkt war. Zuerst hatten die Putschisten dafür gesorgt, dann die Bomben der Alliierten und später die Kommunisten.“ (Zaira 2008,  S. 149)

„Der Saal des National-Theaters war zum Bersten voll. Es waren viele gekommen, geschwätzige, zerstreute Menschen, die sich nur ein Glas Wein wünschten und eine gelungene Ablenkung von einem sonst öden Abend. Mutter sah Leute, die früher Adelstitel geführt und viel Boden besessen hatten. Sie grüßten sie nicht und wandten die Köpfe ab. Denn meine Mutter erinnerte sie an ihren schlimmsten Albtraum, als Volksfeind erkannt und weggeschafft zu werden.“ (Zaira 2008, S. 151)
„Mit Mutter zu wohnen, ganz allein, ohne die Tante oder Zizi dazwischen, war schwierig. Ohne den Salon, den Hof, den Wald und die Anhöhe. Alles war geschrumpft auf die drei Zimmer eines Wohnblocks für gehobene Ansprüche. Ohne Zsuzsas Beben und Tränen, ohne Mişas Alkoholgeruch, ohne den Geruch der Küche, des Misthaufens, der Tiere, der Wiesen. Es gab vor dem Haus nur einen einzigen Baum, der bis zum dritten Stockwerk ragte“ (Zaira 2008,  S. 109)

„Am Rande Bukarests standen nur einfachste Häuser, manche halbe Hütten. Dort wohnten Zigeuner und die Allerärmsten; nur Schlamm, aber kaum Straßen führten dorthin. Sie liefen barfuß herum, und an ihren Sohlen klebte eine dicke Schmutzschicht. Vater ging hin. In vielen Häusern und Palästen der Adligen von früher, die sich jetzt alle Genossen nannten, wohnten inzwischen die Russen. Oder bessere Genossen oder einfaches Volk, das nirgends hinziehen konnte. Vater ging auch durch solche Viertel. Er lief durch verruchte Viertel und gehobene Viertel, so gehoben, wie es die Kommunisten eben zuließen. Er ging am Fluss entlang und durch Parks, wo er früher mit Mutter spazieren gegangen war. Vater fürchtete sich nicht, man konnte ihm nichts stehlen.“ (Zaira 2008, S. 113)

Peleș Schloss

„Ich kannte das Schloss natürlich, Mutter hatte es oft erwähnt, jedes Mal nach einer Einladung in die Karpaten, beim König. Sie beschrieb es uns so genau – die Ehrenhalle, den Waffensaal, den türkischen Salon, den Konzertraum, den flo rentinischen und maurischen Saal“ (Zaira 2008, S. 187)

„Die Wände der Ehrenhalle waren bis zum ersten Stock mit Nussholz getäfelt, erzählte er. Hinter großen Bögen führte die Ehrentreppe hinauf zum offenen Durchgang des ersten Stocks. Auf massiven, schweren Möbeln standen kleine Statuen aus Alabaster, keinen einzigen Fleck hatte man frei gelassen. Man fühlte sich wie in einer Schachtel gefangen. Oder in einer Art Höhle, die ein Specht mit Kunstsinn aus einem Baum herausgeschlagen hätte. (…) Andrei erzählte mir dann vom Waffensaal, der mit Eichenholz getäfelt war. Dort hing das Schwert eines deutschen Henkers, der damit deutsche Adlige enthauptet hatte. Wenn man genauer hinsah, sah man noch Blutspuren. Es gab ein kleines Wohnzimmer im bretonischen Stil, einen Konzertsaal im en glischen Stil, aber mit einem Klavier aus Anvers, einen Theatersaal im Stil irgendeines französischen Königs und mit einer winzigen Bühne, auf der ich gut und gerne hätte Puppentheater spielen können. (…) Ganz zum Schluss von Andreis Erzählung landeten wir in einem Raum, in dem ein Bett aus rotem Samt stand und im Vergleich zu allem anderen unbedeutend schien, aber die Türen, die Stühle und die Decke goldverziert waren.“ (Zaira 2008,  S. 187)

Washington

„Die schicken euch dorthin, weil da jetzt viele Wohnungen leer stehen, die Weißen sind Hals über Kopf weggezogen. Aber macht euch mal keine Sorgen. Die werden schnell merken, dass ihr so arm seid wie sie. (…) Das einzig Gute hier war immer schon der Tabak. Vor nicht einmal 150 Jahren hat es hier bestialisch gestunken, es gab kaum 3000 Einwohner, 100 Ziegelhäuser und 260 aus Holz. (…) Diese Stadt hat mehr Armut und Elend gesehen, mehr Krawalle, als Sie sich vorstellen“ (Zaira 2008,  S. 264)

Weg ins Shaw Vierel: „An beiden Straßenseiten lagen schäbige, vernachlässigte Holzhäuser, mit Veranden oder einer amerikanischen Flagge davor oder beidem. Dann folgten Ziegelhäuser, dichter aneinander gebaut, aber nicht besser erhalten. Die Bäume und die kleinen Waldstücke konnten dem Ganzen kaum Schönheit verleihen. «Hat dieser Stil einen Namen?», fragte Ioana. «Also manche sind im Georgia- oder Victoriastil erbaut. Diese hier könnt ihr townhouses nennen, Feuerleiter und Ratten im Keller inbegriffen. Oder schlicht negro houses (…) Manche Hausfassaden wirkten streng, nur eine kleine Veranda, auf der Schaukelstühle standen, bewies, dass man sich hier manchmal Zeit nahm. Das Einzige, was fehlte, waren die Menschen, nirgends war eine einzige Seele zu sehen. Gepflegte Rasen, gekrümmte alte Bäume, es herrschte eine Ruhe, eine Abwesenheit jeglicher Störung und Unordnung wie in einer aufgegebenen, aber intakten alten Stadt.“ (Zaira 2008,  S. 266)

„Wir waren unterwegs in einer Gegend, vor der man eher davonlief. Einer Kriegszone mitten in Washington. Wir steckten freiwillig den Kopf in die Schlinge, aber daran hatten wir uns seit Prag gewöhnt.“ (Zaira 2008,  S. 268)

„fettigen Fensterscheiben, die Fenstersimse und die Tapete. Sie seien dreckig (…) Als sie das Licht eingeschaltet hatte, waren Kakerlaken in die Wandritzen geflohen. Nicht anders als zu Hause (…) Durch die Schmutzschicht auf den Fenstern sahen wir einige verbrannte Häuser und andere, die besser verbrannt werden sollten. Die Läden waren zugesperrt, die Waren ausgeräumt worden.“ (Zaira 2008, S. 269)

„Unser Viertel ist eine Müllhalde und gefährlich, der Potomac ist ein verschmutzter, toter Fluss, die Union Station soll ganz verfallen sein, und im Botanischen Garten sind jede Menge Pflanzen vertrocknet. (…)  fuhr uns zum Potomac, damit wir auch wirklich sahen, wie verschmutzt er war, und zur Union Station, damit wir den Verfall sahen. Dann hinauf zum Capitol, damit wir den Ausblick genossen, und zum Lincoln-Denkmal, damit wir uns vorstellten, wie es dort beim Auftritt Martin Luther Kings ausgesehen hatte.“ (Zaira 2008, S. 270-271)

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