Handlungsort/ Setting: Fürstenwalde (Uckermark), Dorf im Norden Deutschlands
Projizierter Ort/ Projected place: das Banat (Jugoslawien)
Handlungszeit/ Time of action: 1500 – 2000
Marker: Stuttgart, Alaska, Schwerin, Dresden, Finnland
der See (im Norden Deutschlands)
„Um den See kannst du theoretisch zu Fuß, immer am Ufer entlang. Allerdings haben wir den Pfad vernachlässigt. Der Boden ist sumpfig und die Stege morsch und unglücklich, das Gebüsch hat sich ausgebreitet, brusthoch steht es dem Pfad im Weg (…)Unterhalb der Ruine von Schielkes ehemaligem Hof, wo der See die Landstraße zärtlich berührt, hat jemand seinen halben Hausrat am Ufer entsorgt..“ (S. 9)
„Das war Thunfisch aus fernen Meeren Norwegens“ (S. 9)
„Wer soll für die Gäste aus dem Großraum Berlin Schatzschnitzeljagden auf den Inseln so gut veranstalten“ (S. 9)
„die desillusionierten Fahren Richtung Ostsee“ (S. 9)
„Under Sommer fällt kaum schlechter aus als am Mittelmeer. Statt Mittelmeer haben wir die Seen.“ (S. 12)
„Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Und die Seen sind wieder wild und dunkel und schauen sich um.“ (S. 11)
„Eis schob Land vor sich her, brachte Gestein, höhlte die Erde aus, hob sie zu Hügeln, die heute noch sich wellen, Zehntausende von Fuchsjahren später. In ihrem Schoß wiegen sich die zwei Gewässer, in ihrer Brust stecken die Wurzeln des alten Waldes, in dem die Fähe ihren Bau hat, einen Tunnel, nicht sehr tief, vom Dachs geborgt, mit ihren beiden Welpen jetzt darin“ (S. 20)
Das Dorf Fürstenfelde, Brandenburg in der Nähe von Woldegk (explizit)
„Die Tankstelle hat dichtgemacht, zum Tanken muss du nach Woldegk. Im Schnitt fährt das Dorf seitdem weniger im Kreis durch das Dorf und mehr geradeaus nach Woldegk.“ (S. 12)
„Die Geschichte des Winters in einem Dorf mit zwei Seen ist immer eine Geschichte, die anfängt, wenn die Seen gefrieren, und aufhört, wenn das Eis taut.“ (S. 12)
„Wir haben Wölfe hergeholt. Aus der Lausitz. Weil, früher hat’s hier auch Wölfe gegeben. Frag deine Mutter. In der Zerveliner Heide, beim Raketenstützpunkt? Da haben wir sie frei gelassen.«“ (S. 15)
„im Kiecker, dem alten Wald“ (S. 16)
„Unter einer Buche, am Rand des alten Waldes, liegt still auf dem Laub die Fähe. Von dort, wo der Wald auf Felder trifft, Weizen, Gerste, Raps, sieht sie auf die kleine Ansammlung von Menschenbauten, die auf einem so schmalen Streifen Land zwischen zwei Seen stehen, als hätten die Menschen in ihrem unbändigen Willen, für sich das Angenehmste zu schaffen, aus einem Gewässer zwei geschnitten, um genau dazwischen, fruchtbar und praktisch an gleich zwei Ufern gelegen, Platz für sich und ihre Jungen zu haben, Platz für ihre festen Wege, die sie selten verlassen, Platz für ihre Nahrungsverstecke, ihre Steine und Metalle und die Unmengen anderer Dinge, die sie horten.“ (S. 20)
„Das Dorf bestuhlt (…) Das Dorf putzt die Schaufenster. Das Dorf poliert die Felgen. Das Dorf duscht.“ (S. 26)
„Das Dorf schaltet die Fernseher aus, das Dorf flufft die Kissen auf, heute Nacht hat das Dorf kaum Geschlechtsverkehr. Das Dorf geht früh zu Bett.“ (S. 28)
„Das Dorf spricht täglich Gebete um ein Einigermaßen. Um ein Zumindest. Um den Fortbestand der Fische. Um den eigenen Fortbestand. Das Mädchen und der Bruder und die beiden Siebmacher-Jungen, sonst gibt es keine Kinder mehr.“ (S. 29)
„Es kommen keine Touristen. Es kommen Jugendliche auf dem Rückweg aus dem White in Woldegk, in aller Herrgottsfrühe lassen sie einen komatös Besoffenen unter der Eiche zurück, fahren weiter, das ist so eine Tradition bei uns.“ (S. 76)
„Wir haben ein Mäuseproblem. Sie verbreiten sich im Menschenleeren wie Bewohnten. (…) Verschrecken Investoren. Verheeren den Zugezogenen die Speisekammern.“ (S. 86)
“Fürstenfelde, Brandenburg. Einwohnerzahl: sinkend. Bei uns am Ortseingang steht ein Schild. Herzlich willkommen in der Uckermark: Jetzt wird’s schön. Anzahl der auf der aktuellen Wanderkarte als »sehenswerter Einzelbaum« gekennzeichneten Bäume: zwei.
Was auch immer du über uns gehört hast, das nicht von uns selbst kommt, stimmt so nicht. Hier geht es anders zu als in den Touristenführern, in den Büchern, den demografischen Studien. Wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen steht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist.“ (S. 159)
Fürstenfelde
„Fürstenfelde ist kein schlechtes Pflaster für den Feuerbrand.« Geiler Anfang, Mu. Fürstenfelde hat eben ständig gebrannt. Für Mu: sehr tragisch. Gar nicht mal wegen den Opfern, sondern weil so viele Bücher und so was vernichtet wurden. Das, was die Glocken für mich sind, sind alte Bücher für Mu. Ihre Finger riechen manchmal wie das letzte Jahrhundert, wenn sie aus der Heimat nach Hause kommt (vergilbtes Papier). Mu hat zum Beispiel herausgefunden, dass Fürstenfelde mal eine Stadt war, das Stadtrecht aber versoffen wurde, und jetzt ist Fürstenfelde ein Dorf. Sie kennt auch alle Märchen von hier. Besser man fragt sie nicht: Sie erzählt die nach, dass du Angst kriegst: verstellte Stimme, Körpereinsatz, so was. Die Kids lieben das oder rennen weg.“ (S. 129)
Fürstenfelde – Pension Alpschnitter
„In dem Gebäude war früher die Molkerei. Wurde Anfang der Neunziger auktioniert. Herr Schramm hatte überlegt, mitzubieten.“ (S. 38)
Dänmark
„Er ist als Dreizehnjähriger mit dem Lada von seinem Großvater nach Dänmark gefahren“ (S. 12)
Wegnitz – Flugabwehr-Raketenabteilung 123
Herr Schramm fährt zu der – Flugabwehr-Raketenabteilung 123 Wegnitz, wo er siebzehn Jahre stationiert war.“ (S. 24)
Stuttgart
„Später gibt es im Innenhof ein Konzert afrikanischer Musik aus Stuttgart.“ (S. 27)
Alaska
„An der Tür ein Poster von Alaska. Alles blau, blaue Berge, Himmel, Wasser, Eisbären. Gölow würde gern nach Alaska. Geld wäre nicht mal das Problem, aber finde mal Zeit.“ (S. 35)
Leipzig
„Leipzig, ’82. Feierabend nach Offizierslehrgang in der Sauna. Birnenschnaps-Aufguss. Ein Dutzend Offiziere auf den Saunastufen wie Birnen in der Auslage.“ (S. 38)
das Banat (der jugoslawische Teil)
»Sie sind ja von der Herkunft her Donauschwäbin.« (der Journalist) »Ich weiß.« (Frau Kranz)
»Genau gesagt, Jugoslawiendeutsche.« »Ja, ja, worauf wollen Sie hinaus?« »Sprechen wir ein wenig darüber.« »Über den Zufall der Geburt?« »Wir können über das Banat sprechen. Ich habe mir Fotos angeschaut. Flach und ländlich wie die Uckermark. Hilft die Ähnlichkeit der Landschaft bei der Eingewöhnung?« (S. 52)
„Ich habe eine große Reise gemacht. Oder machen müssen. Mit der bin ich zufrieden. Ja, Banat. Geburt ist unser erstes Glückslos. Meines war eine Niete. Machen wir kein Spektakel darum.«“ (S. 90)
Schwerin
„Das letzte Mal trug sie das Kleid ’77 in Schwerin, als sie für ihre künstlerischen Verdienste am Bezirk Schwerin ausgezeichnet wurde, Kategorie »Malerei«, Unterkategorie »Land und Maschinen«. Frau Kranz lief auf das Podium, aber sie hielt keine Rede, sondern sang ein Lied in schlechtem Kroatisch.“ (S. 52)
Fürstenfelde-Ernst-Thälmann-Straße
„Der Sportplatz wie auch der Findling befinden sich in der Ernst-Thälmann-Straße, und die letzte Gedenktafel auf dem Findling in der Ernst-Thälmann-Straße gedachte Ernst Thälmann. Oberhalb vom Sportplatz hat Ulli seine Garage. (…)»Jenau. So. Und bis ’45, weißt du, wie der Acker dort geheißen hat? Adolf-Hitler-Sportfeld. Und auf der Tafel stand ein anderer Name, nu rat mal, welcher.«“ (S. 62-63)
„IN DER THÄLMANN-STRASSE 16 IN DER NACHT: MUSIK. Dietmar Dietz, genannt Ditzsche, wohnt dort. Unverheiratet, zu Kindern und Tieren immer ehrlich, Briefträger vor der Wende, heute fünfzehn Rassehühner.“ (S. 170)
„’95, damit die Städter unsere Seen wieder für sich entdecken, wollte das Dorf neue Postkarten drucken für die Badesaison. Das Kreativkomitee kam im Haus der Heimat zusammen, um zu besprechen, was auf die Karten drauf soll. Außer dem Haus der Heimat und den Seen natürlich. Vier Motive sollten es werden. Das dritte wurde ein Pferd vor der Stadtmauer, womit zwei Sehenswürdigkeiten mit einem Schlag erledigt waren. Beim vierten gingen uns die Ideen aus. Es wurde kurz erwogen, der Kirche eine Renaissance zu erlauben, doch die Mehrheit war dagegen. Und da hat der Fährmann vorgeschlagen, die Eierbox von Ditzsche als Postkarte zu drucken.“ (S. 170)
Dorf-Kirche
„Die Kirche riecht wie die Perücke von Großtante Elsbetz, wie Pomade und Staub“ (S. 69)
Dresden
„Ein Fuhrmann erzählt von Straßenkämpfen in Dresden.“ (S. 100)