Handlungsort/ Setting: Sulzbach, Deutschland

Projizierter Ort/ Projected place: Dalmatien

Handlungszeit/ Time of action: 1992 – 2006

Marker: Belgrad, Mailand

Deutschland

„an einem deutschsprachigen See, an dem die Identitätskarten von Beginn an belangloses Papier sind, immer aber etwas Sinnentblößtes geworden wären, hätte dort nur ein Graswesen gefragt, wer man eigentlich ist, wenn die beschreibbare Hälfte unserer Träume jetzt in die Pflanzenwelt überginge.“ (S. 12)

Mediterran

„Der deutsche Sommer hatte es schwer. Er hatte einen großen Konkurrenten: den Mediterran. Und wer konnte besser sein, als dieser ins Wesenhafte wachsende Mitspieler der Kindheit“ (S. 13)

„Meine Luft ist der Mediterran. Alle Ufer Europas.“ (S. 37)

Ausland

„Da dieses Ausland noch keinen Namen hat, muß es gefunden werden. Der Grund ist immer die Suche nach einem besseren Leben, begleitet von der Vorstellung, es warte an einem anderen Ort auf uns und wir müßten es nur holen gehen“ (S. 14)

Österreich

„In Wirklichkeit war auch keiner von uns nur der Arbeit wegen in ein anderssprachiges Gebiet gegangen, auch wenn dies von außen betrachtet seine Stimmigkeit zu haben schien. Wir Kinder sahen es ohnehin nur als Unterwegssein an. Als Zugfahrt von Küste zu Küste und dann ins Innere der Berge, wofür uns Österreich stets das richtige Bild lieferte, mit seinem Schnee im Winter und dem hellen Strahl der Sonne im Sommer, als wasche sie nur, unterwegs wie wir, die oberen ihr zugeteilten Gipfel. Unsere Not war nicht das Neue. Unsere Not war das Alte.“ (S. 14)

Sulzbach in Hessen

„Ihre Sehnsucht trug sie fort, eines Tages ging sie einfach weg, zu ihren beiden Geschwistern, die in einem kleinen hessischen Ort namens Sulzbach Arbeit gefunden hatten.“ (S. 15)

„in unser bescheidenes kleines Fachwerkhaus, in dem wir bei einem hessischen Bauern zur Miete wohnten und an dem über Jahre hinweg nichts renoviert wurde (…) ständig schämte ich mich für etwas, für die kleinen Fenster, für das Zimmer, in dem meine Schwester und ich schliefen und in dem es nur einen alten Holzofen gab, keine Heizung.“ (S. 20)

„Den Winter über trafen wir uns alle in einem Lokal, einer Art Bistro, das sich als Sammelplatz aller Ex-Jugoslawen entpuppte. Ehe wir’s uns versehen hatten, waren wir in einem Kreis von Zagrebern, Belgradern, Makedoniern, tranken und aßen mit Leuten aus Novi Sad, Sarajevo, Split und Mostar, von überall her waren sie gekommen, und wie immer hielten sie auf eine jugoslawische Weise zusammen.“ (S. 23)

„in den kleinen hessischen Ort Sulzbach gebracht hatten, in dem es Häusernummern, Straßennamen und saubere Ortsschilder gab, alles neue Dinge, die zwar aufregend waren, sich aber niemals über die Liebe legten, die ich beispielsweise für unsere kleine Dorfschule in mir trug.“ (S. 27)

Frankfurt

„Die Geschichte meiner Eltern, die sich in der Nähe von Frankfurt in einer Kirche begegnet sind, habe ich nur in der deutschen Sprache ganz erfassen können“ (S. 15)

Frankfurt Nordend – Wohnort der Ich-Erzählerin

Deutsche Schule

„Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, krempelte ich die Ärmel hoch, ging los, wurde gebraucht, um mir den Namen Schwester zu verdienen. Danach, so kommt es mir heute vor, hatte ich jemand, zu dem ich auch in dieser deutschen Schule gehörte.“ (S. 18)

Dalmatien

„Vom deutschen Bildschirm aus sahen wir, wie unser einstiges Land vom Nebel der Kriegssprache belagert wurde, von plötzlich aus dem Nichts aufgekommenen Gewehren und Geschossen. Einen Feind zu haben, das gehörte jetzt zum guten Ton. Der Feind habe all die Jahrzehnte auf seinen Waffen geschlafen. Auf das Schlagen habe dieser Feind gewartet, auf das Zuschlagen und Zurückschlagen, hieß es später, als das Wort »Krieg« auch für uns Achtzehnjährige ein Gegenwartswort geworden war.“ (S. 17)

„Jetzt gab es kein Jugoslawien mehr; so ein Land, darin schienen sich nun alle einig zu sein, haben sich ohnehin nur die Nostalgiker zum Zeitvertreib ausdenken können. Jahrzehnte lebendigen Lebens, unzählige Stunden und Schritte im eigenen Sein waren annulliert worden.“ (S. 17)

„Ich wollte nichts mehr mit Jugoslawien zu tun haben.“ (S. 27)

„Als Kind leidet man auch nicht an einem System, man macht es mit, will es verstehen und sogar gut beherrschen. Später begreift man das Unheimliche des Systems, kann die Auswirkungen der klinischen Verordnung zur »Gleichheit« empfinden.“ (S. 35)

„Jugoslawien war für mich aber vor allem ein Land, in dem ich neun Jahre lang ohne meine Eltern lebte, die im Ausland arbeiteten und ein, zwei Mal im Jahr zur Ferienzeit kamen. Mich an diese ersten Jahre meines Lebens zu erinnern heißt auch immer, die unaussprechbare Sehnsucht nach meinem Vater und nach meiner Mutter wieder zu erinnern.“ (S. 49)

Schule auf dem Dorf

„Die Schule war in meiner Erinnerung zu einem idealen menschenfreundlichen Gebäude geworden, ein warmer Ort, nicht nur ein zweckmäßiges Haus. (…)im Sommer 2005: die Fenster meiner einstigen kleinen Dorfschule sind jetzt vergittert.“ (S. 28)

Herzegowina

„Jetzt kamen schon Leute von unserem ersten Dort in unser zweites Dort, von jenem anderen Hier in dieses andere Hier, und wir sahen zu, wie sie sich fern ihrer alten Grenzen und Pässe auch hier verrieten. Manche kamen aus Sarajevo, manche aus der Herzegovina, aus Slawonien oder auch von der Küste, aus Rijeka beispielsweise. Meine Schwester und ich verliebten uns gleich in zwei der neu Angereisten. Mile kam aus Sarajevo, Rašo aus Rijeka.“ (S. 19)

„Im Fernsehen zeigten sie Bilder aus Jugoslawien. Der Krieg bekam ein Gesicht. Das Gesicht weinte. Nur mit dem Schutzdamm der deutschen Sprache konnte ich vor dem Fernseher meine eigenen Tränen zurückhalten. Die Leute gewöhnten sich daran. Meine Eltern nahmen in einem der unteren Räume Flüchtlinge aus der Herzegovina auf,“ (S. 19)

„in einer Zeit, in der unser Land zerfiel und Zukunft vor allem für die Menschen in Bosnien darin bestand, den einen Tag oder die eine Stunde mit ihren Kindern zu überleben.“ (S. 25)

„Da wir zwischen Dalmatien und der Herzegovina aufwuchsen, lernten wir die Dialekte beider Gegenden.“ (S. 48)

Sarajewo

„Mile (der Freund der IE) war längst in die kroatische Hauptstadt gegangen, aber im Krieg ist er nie gewesen. Er vermißte sein Sarajevo und schrieb mir verschlüsselte Briefe in kyrillischer Schrift, damit meine Eltern nicht mißtrauisch wurden. Was willst du mit einem Bosnier, sagte mein Vater mehr, als daß er fragte, da landest du nur in einem Graben mit ihm.“ (S. 25)

Zagreb

„Dubrovnik stehe unter Beschuß, Zagreb sei auch nicht mehr ganz sicher.“ (S. 25)

Paris

„Als ich vor einigen Jahren nach Paris gezogen war (…) sah ich die Plakate überall, an der Métro Odeon hingen sie, auf den Boulevards Saint Germain und Saint Michel, bei der Métro Charles de Gaulle, am Louvre, an der Bastille, und auf dem Boulevard Beaumarchais lächelte mich Goran Bregović an.“ (S. 39)

„wo ich bereits ein kleines Studio in der rue Oberkampf im elften Arrondissement hatte mieten können.“ (S. 41)

„Die Weltstadt aus Stein kam mir manchmal wie eine Erfindung vor. (…) Die Stadt verkam vor meinen Augen zu einer richtiggehenden Kulisse. So wirkte manchmal der Pont Neuf auf mich wie ein Gemälde, wie eine aus der Vorstellung entsprungene Manifestation vieler menschlicher Gedanken. (…) alles der Zeit nach Gesetzte zog aus und ein, stellte sich hin und zog um, die Bastille, die Sacre Cœur: nur noch Wandernde durch die scheinbare Festigkeit der Stadt“ (S. 53)

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