Handlungsort/ Setting: Grenze im Süden Rumäniens, Berlin, Marburg
Projizierter Ort/ Projected place: keiner
Route: Osten – Westen
Handlungszeit/ Time of action: 1980
Marker: keine
Grenze an der Küste
„Die steile Küste, die halb in den Himmel reichte, das Gestrüpp, der Strandflieder(…) Ende am Wasser, das zuschlug und wegfloß. Das kurz zuschlug und lange wegfloß, weit hinter die schwimmenden Köpfe, bis es den Himmel bedeckte. (…..) Die Steilküste war wie gebaut aus Erdbrocken und Sand, wie gebaut von Soldaten, damit der Sog nicht ins Land, nicht ins Innere kam, von irgendwo her“ (S. 7)
„Die steile Küste, die halb in den Himmel reichte, das Gestrüpp, der Strandflieder waren für Irene das Ende des anderen Landes geworden. Am deutlichsten sah Irene dieses Ende am Wasser, das zuschlug und wegfloß. Das kurz zuschlug und lange wegfloß, weit hinter die schwimmenden Köpfe, bis es den Himmel bedeckte.“ (S. 9)
Kneipe an der Küste
„Irene spürte am Wind im Gesicht, daß das Zimmer hoch oben lag. Die Sterne stachen in ihre Stirn. Das Wasser tobte weit unten….. pürte, wie das Zimmer in schmalen Rinnsalen zum Fenster hinauszog, in die leere Fläche, wo die Dunkelheit noch größer war“ (S. 10-11)
Berlin
„Irene sah ein weites, leeres Gelände mit weißen Markierungen. Eine seltsam eingeteilte Wiese, auf der sich durchs Gras, es war gelb und verweht,“ (S. 17)
Als Irene auf die Straße trat, war das Licht grau. Nur der Damm war beleuchtet. Hinter dem Damm, eingedrückt zwischen Himmel und Gras, stand die Sonne. Alle Autos fuhren unter die Erde. Über dem Damm flatterte ein Vogel….. Hinter dem Damm, wo eingedrückt die Sonne stand, lag der Flughafen. In der Halle des Flughafens waren die Reisenden verwirrt“ (S. 58)
„Die Luft war kühl. Irene schaute mit kleinen Augen in die Neonschrift der Stadt, in den flimmernden Kanal der Straßenkreuzungen, in die verlorenen, kurzen Straßen“ (S. 20)
„Mal fiel die Stadt über Irenes Gedanken her. Mal Irenes Gedanken über die Stadt“ (S. 45)
„Hinter der glitzernden Fassade Westberlins beobachtet Irene seine verkommene Schäbigkeit, seine Kleinkriminellen, Obdachlosen, Kinderprostituierten, seine Niemandsland-Räume nicht nur an der Mauer. Das ist mehr als das Entfremdungsgefühl einer Außenseiterin: Westberlin ist in Reisende auf einem Bein kein subkulturelles Biotop; die Stadt erinnert Irene vielmehr an die gerade verlassene Diktatur. Sowohl die Diktatur als auch die Demokratie bieten dem nicht gefälligen Individum nur marginale Lebensräume, seien es die öden Kneipen und Diskotheken unter den Radarschirmen im „anderen Land“, seien es die Flüchtlingsheime und die sie umgebenden Straßen von Westberlin, die wie „ein Bühnenbild für das Verbrechen“ (S. 30)
Viertel, in denen „selbst die
Bäume zerbrochen waren“ (S. 104)
„Irene hörte angestrengt weg von den Sätzen der Passanten. Sie horchte den fahrenden Autos nach“ (S. 39)
Asylantenheim in der Flottenstraße Berlin
„Es lag in der Flottenstraße. Die Flottenstraße war eine Sackgasse. Der Bahndamm lag auf der einen Straßenseite. Die Kaserne auf der anderen Seite… Die Flottenstraße hatte die Härte der großen Häfen, der Eisenstangen, die sich in der Spiegelung des Wassers verdoppelten. Auf dem Bahndamm rosteten die stillgelegten Gleise. Knotige Bäume trieben Äste auf dem Boden unten, um den Stamm. Oben dürr und unten dicht belaubt. Es waren keine Bäume, keine Sträucher.“ (S. 20)
Berlin – Kaserne
„Die Kaserne war ein Backsteingebäude. Hatte zwei Stockwerke. Schien doch zu hoch, wegen der roten Steine. Die eine Hälfte gehörte der Polizei. Die andere Hälfte war ein Asylantenheim… Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl. Ein Wasserkessel und ein Eisenschrank. Am Fenster ein Kran und Betonfertigteile. Die schaukelten.“ (S. 21)
Berlin – Gedächtniskirche
„wie eine Höhle von innen aus: bröckelnder Stein, dunkel und naß. Weiter unten die Lichter der Buden.“ (S. 25)
Wohnung in Berlin
„Er nannte einen Straßennamen. Der sagte Irene nichts. Und den Namen eines Stadtteils nannte er. Davon hatte Irene gehört. Wußte nicht, wo das lag. Er nannte viele Straßennamen. Und wie man dorthin kam, wo die Wohnung lag. U-Bahn und Bus, sagte er. Sie fahren doch gerne U-Bahn.“ (S. 26)
Treppenhaus „Irene trug den Koffer durchs Stiegenhaus hoch.Dann ging ein Flur durch sie hindurch. Dann eine Küche. Dann ein Bad. Dann ein Zimmer. Alles leere Wände. Daß ein Herd in der Küche stand, merkte Irene erst später. Und, daß auf dem Herd ein Einweckglas mit Salz stand, erst, als der Hauswart gegangen war.“ (S. 27)
„Der Fußboden in Irenes Zimmer war dunkelbraun gestrichen. Er nahm der Decke und den Wänden das Licht weg. Er hatte dieselbe Farbe wie die Wände des Innenhofs.“ (S. 31)
Berlin – Flohmarkt
„Der Flohmarkt war einer der vielen, von der Stadt vergessenen Orte, wo sich die Armut tarnte als Geschäft. An diesen Orten wuchsen die Gräser der Gegenden, in denen niemand wohnte: Brennessel, Distel, Schafgarbe. Das waren für Irene die Gräser des anderen Landes“ (S. 46)
Marburg
„Sie nahm die Länge der kurzen Straßen als Tiefe wahr. Das Laub war feucht. Auf den Gehsteigen waren Autos geparkt. Fenster waren beleuchtet hinter den Gärten. Die waren so dunkel, daß man die Farbe der Blätter nicht sah. Nur ihre Ränder waren bestrahlt. Die geparkten Autos waren mit großen, gelben Blättern bedeckt. Die Dächer der Autos, die Kofferräume und Scheiben. Die Blätter waren nicht welk. Sie waren wie frisch geschnitten, mit langen, rötlichen Stielen. Und der Gehsteig war so dick mit Blättern belegt, daß er sich hob und senkte unter den Schritten“ (S. 59)
„Irene stellte sich die Stadt ohne Menschen vor. Sie spürte die Nähe eines Wassers und eines Gebirgs. Diese Nähe war kühl. Sie war nicht gedacht als Flucht, diese Nähe. Es war eine Nähe, die man nicht betreten mußte. Nicht nur Marburg, auch andere Städte wurden immer fremder, je öfter Irene sie besuchte. Es waren die Städte, in denen Menschen lebten, die ihr nahestanden. Irene hatte das Gefühl, durch ihren Blick auf diese Städte, die Menschen, die ihr nahestanden, von den Städten zu entfernen. Sie gab sich Mühe, ihre Fremdheit nicht zu zeigen. Doch die Menschen, die Irene nahestanden, ließen keine Gelegenheit aus, ihr zu zeigen, wie nahe ihnen diese Städte standen. Sie wußten sehr genau, was sie an jedem Ort tun sollten. Sie kauften sehr rasch ein. Bestellten sofort einen Kaffee. Berührten im Vorbeigehen Schaufenster, Wände und Zäune. In den Parks rissen sie vom ersten Strauch ein Blatt ab. Nahmen das Blatt sogar in den Mund. Auf Brücken ließen sie Steine ins Wasser fallen. Auf Plätzen setzten sie sich auf die erste Bank. Schauten nicht um sich. Fingen sofort an zu reden. In den großen Straßen, wo es vor Menschen wimmelte, konnten sie den Passanten geschickt ausweichen. Irene blieb einen Schritt hinter ihnen zurück“ (S. 95)
„So viele Gänge gab es nicht in Irenes Kopf, wie viele Wege Marburg gefunden hatte, um sich zu entfernen. Auch durch Irenes Fingerspitze entfernte sich Marburg. Auch durch Irenes Schuhe, wenn sie ging. Jeden Tag gab Irene der Stadt, in der Franz lebte, die Möglichkeit, sich zu entfernen. Denn Irene konnte nur in eine Richtung gehn. Die Stadt, in der Franz lebte, entfernte sich in die andere Richtung. Marburg suchte sich den äußersten Punkt aller Straßen, um sich zu entfernen. Wenn Irene die Stadt, in der Franz lebte, im Gedächtnis fand, lag sie unter gelben Blättern mit langen, rötlichen Stielen.“ (S. 98)
Marburg – Hotel
„viel zu klein, und die Wände viel zu weiß“ (S. 59)
„Jetzt, wo Irene sich hinauslehnte, hatte sie den Namen des Hotels vergessen. Auch den Namen des Flusses, der durch diese Stadt floß. Und den Namen der Brücke, die über den Fluß führte“ (S. 63)
Deutschland
„Wo hinterm Zugfenster das Land flach war, sah Irene der Fläche an, daß sie hoch lag. Hochebene. Da hielt der Acker die Tannen nicht aus und die Tannen nicht den Acker. Das Dorf, das vorüberzog, stand im Nebel. Niemand ging auf den Straßen. Am Rand des Dorfes stand ein Mann auf dem Hausdach. Er stieg in den Schornstein. Der Sportplatz lag weit vom Dorf. So nahe an den Wäldern, daß man das Holz spüren mußte, beim Laufe.“ (S. 94)