Handlungsort/ Setting: Edenkoben Deutschland, Temeswar
Projizierter Ort/ Projected place: Banat
Route: Westen-Osten
Handlungszeit/ Time of action: 1997
Marker: Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Nürnberg, Regensburg, Passau, Wien, Budapest, Arad, Wels, Nadlac
die Pension in Edenkoben
“Johann Linz stand an der Tür seines Zimmers und lauschte. Was sollte das schon wieder? Er war doch der einzige Gast in
der Vier-Zimmer-Pension und mit anderen Gästen war erst morgen zu rechnen.” (S. 7)
“Von seinem Fenster aus sah er nachts die Umrisse des beleuchteten Hambacher Schlosses. Erst seit gestern konnte er sich die
Präsenz eines Standbildes Ludwig l von Bayern auf dem alten Marktplatz erklären. Der stets schlecht gelaunte Wirt am Bahnhofimbiß debattierte mit einem älteren Herrn über die Willkür politischer Entscheidungen, und sie bedauerten schließlich die Loslösung der Pfalz von Bayern, waren sich darin einig, daß der König ein volksnaher Herrscher gewesen, dessen Popularität bis heute unübertroffen blieb.” (S. 9)
Edenkoben
“Er war an der Kreuzung angelangt. Vom neu gestalteten Ortskern führten Straßen in die vier Himmelsrichtungen. Als er am ersten
Tag Frau Klein gesagt hatte, er wolle sich im Dorf umsehen, entgegnete sie ihm, daß Edenkoben nie ein Dorf, sondern schon
immer Stadt gewesen sei.” (S. 12)
“Aus der Klosterstraße heraus, über die Kreuzung, nach dem Marktplatz ging es bergab. Eine Gruppe Jugendlicher kam ihm entgegen, ein schwarzhaariges Mädchen versuchte, auf ihrem Rad den Hang hinaufzufahren.” (S. 12)
Dorf im Banat
“Als Lyzeaner gierte er nach solchen Geschichten und war ein geduldiger Zuhörer. In seinem Heimatdorf gab es Leute, die Vertrauen zu ihm gefaßt hatten und ihm mit leiser und eindringlicher Stimme von der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählten, von Vorkommnissen, über die in den Schulbüchern nichts stand. Schon als Kind, erzählte ihm später seine Mutter, sei er mit Sicherheit dort anzutreffen gewesen, wo Leute beisammen standen. Und deshalb habe er alle Neuigkeiten aus dem Dorf gewußt.” (S. 8)
Wels
“Oft hatte er im Fingerspaziergang diese Strecke vermessen, ein Weg auf der Landkarte, der ab dem Grenzübertritt bei Nädlac über Arad nach Temeswar konkrete Bildhaftigkeit annahm und der ihm ab Temeswar bis nach Hause ins Dorf vertraut war. Dieser letzte Wegabschnitt war mehr als Erinnerung. Erinnerung war das wie in einem Puzzlespiel zusammengefügte Bild an den Ort seiner frühen Kindheit, Stadl-Paura bei Wels.” (S. 63-64)
Rumänien
“Er hatte vor zwei Monaten, als er ahnte, daß seine Arbeitsstelle in der Bücherei wegrationalisiert werden würde, ein Stipendium beantragt für ein Buch, dessen Handlung in Rumänien, seinem Herkunftsland, spielen sollte. Für andere Schriftsteller waren Anträge auf Arbeitsstipendien etwas Alltägliches, er aber tat sich damit schwer. Er war nicht glücklich darüber, daß er seine Reise nach
Rumänien von der Gewährung des Stipendiums abhängig gemacht hatte. Vor zehn Jahren hatte er das Land verlassen, war bisher
noch nicht zu Besuch gewesen, obwohl es seit 1990 problemlos möglich war.” (S. 11)
Temeswar
“Den Reisepaß hatte er dabei, der war gültig. Er versicherte sich noch einmal, nahm dann die „Banater Post” aus der Reisetasche.
Das Mitteilungsblatt der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland hatte ihm ein Bekannter ausgeliehen, weil ein Artikel über sein Heimatdorf darin veröffentlicht war. Die letzten Seiten der Zeitung enthielten fast ausschließlich Anzeigen von Busgesellschaften, die nach Rumänien fuhren. Sie waren nach 1990 wie Pilze aus dem Boden geschossen, manche fuhren jeden Tag. Diese hier fuhr über Mannheim nach Temeswar und gab die Telefonnummer ihrer Frankfurter Niederlassung an. Er wählte die Nummer, es läutete, und er wartete. Eine Frauenstimme meldete sich mit dem üblichen Wortschwall, den man sowieso nie richtig verstand. Die Aussprache und Satzmelodie aber war ihm vertraut: Siebenbürger Sächsin. ,,Ich möchte eine Reise nach Temeswar buchen.” (S. 17)
“Zehn Jahre waren seither vergangen, siebzehn hatte er in Temeswar gelebt. Wenn ich mal nach Hause fahren sollte…” (S. 18)
“Als er den Parkplatz überquerte, hörte er rumänisch reden. Neben dem Mercedes mit deutschem stand ein Opel mit Temeswarer
Kennzeichen. Die beiden Ehepaare waren dabei, den Inhalt zweier hochbeladener Einkaufswagen im Kofferraum des Opels zu verstauen. lhrem Gespräch entnahm er, daß das Ehepaar aus Temeswar noch heute abreiste. Während er weiterging, überlegte er, ob er umkehren, sich zu erkennen geben sollte, sie fragen, ob sie ihn mitnehmen, er würde denselben Preis wie für den Bus bezahlen. Sie wären vielleicht mißtrauisch geworden. wenn er sie einfach so angesprochen hätte. Und obendrein müßte er so viel erklären. Auf der Fahrt würden ihn die Temeswarer mit Fragen quälen, etwa: Wären Sie ausgewandert, wenn … Immer wieder diese Wenn-Sätze. Das war eine Konstruktion zum Verrücktwerden. Untauglich fürs Leben, ein utopischer und gleichzeitig gefährlicher Gedankengang, der irgendwo in der Vergangenheit
begann, und von dem man nicht sagen konnte, wo er festzumachen wäre. Als … Mit diesem Verhältniswort im Kopf ließ
es sich wenigstens erzählen.” (S. 24)
“Die Reise gehe also in der ersten Etappe über Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Nürnberg, Regensburg, Passau, Wien, Budapest,
Arad. Dort Umsteigen für die Reisenden in Richtung Reschitza Bokschan. In diesem Bus weiter nach Temeswar, dann über Siebenbürgen bis nach Bukarest. Fahrtzeit bis Arad ungefähr 22 Stunden, wenn nichts dazwischenkäme. Man werde also das Gepäck
der zuletzt Aussteigenden zuerst verladen.” (S. 39)
“Wahrscheinlich waren sie zusammen im Krieg gewesen, hatten sich nach Jahrzehnten in Temeswar auf einem der Ämter bei der Erledigung der Ausreiseformalitäten getroffen und hielten nun in Deutschland weiterhin Kontakt. Ihre Lebensläufe waren Bestandteil der Nachkriegsgeschichte des Banats und diese Reise nach Hause gehörte dazu.” (S. 46)
“Die letzte Wegstrecke bis zur ersten Grenzüberquerung lag vor ihnen, noch drei Etappen bis zur rumänischen Grenze: Passau,
Wien; Wien, Budapest; Budapest, Nadlac. Von Nadlac bis Arad und von dort bis Temeswar war es jeweils nur noch ein Katzensprung. So übersichtlich konnte man sich das zurechtlegen, wobei die Reise ab Passau doch erst so richtig begann. Aber nachts verging die Zeit rascher. Eine lllusion, der man sich gerne hingab.” (S. 65)
“In Temeswar würde es bestimmt besser sein, da war ihm alles vertraut, und Maria und Tudor waren freundliche, liebe Menschen. Sie würde erzählen, und alles würden sich einpendeln. Die Ortschaften, durch die sie nun fuhren, waren ihm nicht nur
vom Namen her bekannt, in einigen war er während der Jahre in Rumänien sogar gewesen. Rasch hatte er sich ein Spiel ausgedacht: den Namen der nächstfolgenden Ortschaft erraten. Je näher sie an Temeswar kamen, umso treffsicherer wurde er. Dann ging alles sehr schnell. Sie fuhren in Temeswar ein.” (S. 80)
“Da saß er nun auf einer Parkbank am Rande des Gehsteigs an
einem Sonntagmorgen im Zentrum von Temeswar. So hatte er es
sich vorgestellt: Die Stille der Stadt an einem Sonntagmorgen
genießen, sitzen und schauen. Der Bus war von Menschen umringt, Aussteigende wurden begrüßt, Gepäck ausgeladen.” (S. 81)
Heidelberg
“Damals fand in Heidelberg eine Kundgebung statt, auf der er eine Rede gegen das Regime des Diktators halten sollte. Seit Beginn
der Unruhen in Temeswar hatte er regelmäßig Radio „Free Europe” gehört. Die Sendung in rumänischer Sprache war über Jahre ein
Festpunkt seines Tagesablaufs in Rumänien. In seiner Wohnung in Heidelberg bastelte er bei aufgedrehtem Radio an seiner Rede.
Dann waren die Würfel gefallen, die Rede war nicht mehr vonnöten. Ein paar Sätze würde er frei sprechen. Mit dem Radio am
Ohr ging er im Demonstrationszug durch die Hauptstraße von Heidelberg, entgegenkommende Passanten riefen ihnen zu: Es ist
aus, vorbei!” (S. 68)