Handlungsort/ Setting: Split

Projizierter Ort/ Projected place: Istrien 1992-1995

Handlungszeit/ Time of action:  2000er Jahre

Route: Hessen – Istrien

Marker: Split, Frankfurt, Sarajevo

Hessen

„Ende der achtziger Jahre bat er mich irgendwann, das Bild des faschistischen Führers Ante Pavelić von Hessen nach Dalmatien über die Grenze zu schmuggeln“ (S. 12)

Ich- Erzählerin: „In der Schule in Hessen“ (S. 12)

„Auch der Sommer war in Hessen anders. Es gab ihn nicht.“ (S. 14)

Main-Taunus-Zentrum Sulzbach

– 1983: Umzug der Ich-Erzählerin nach Sulzbach

Dorf in Istrien

„in einem sozialistischen Dorf ohne Straßenlampen“ (S. 15)

„Ihr Blick sagt, nun geh’ schon, es hat sich hier nichts geändert, und das ist fast wahr, denn ihr Badezimmer befindet sich an altbewährter Stelle. Es war in den siebziger Jahren eine Art heiliger Ort, Offenbarung und Freude in einem, da ich nur ein Latrinenhäuschen kannte, in dem es selten Toilettenpapier gab, nur Zeitungen mit übel dick aufgetragener Druckerschwärze, die überall ihre Spuren hinterließ. Bei Tante Anastazija leuchtete aber alles weiß und war sauber, sie hatte auch Toilettenpapier. Auch hatte sie fließend Wasser.“ (S. 16)

„In diesem Land hat es Krieg gegeben. Die serbischen Häuser im Dorf sind zerstört und die orthodoxen Bewohner vertrieben worden.“ (S. 16)

„Jesus ist in jedem Haus zu sehen, aufgestickt, glitzernd, in Neonfarben, Jesus als Popikone.(…) Am Kreuz gebunden hängt Jesus an den dalmatinischen Küchen- und Wohnzimmerwänden“ (S. 17)

„Warum Filip einen Strick benutzt und sich im nahegelegenen Wald erhängt hat, das getraue ich mich nicht.“ (S. 22)

„Im Dorf sieht man noch an der Bushaltestelle und an der Schule die Reste alter, vergilbter Plakate“ (S. 26)

Vukovar

„Cousin Kristijan erzählt, der wie Antun bei der Verteidigung von Vukovar dabei war und nach einer Woche dort beinahe gestorben wäre. Tagelang war er mit anderen Soldaten unterwegs gewesen und hat einmal in der Nähe der Stadt am Flussufer der Vuka in den frühen Morgenstunden allein.“ (S. 42)

„Früher hatte unsere Straße gar keinen Namen, jetzt ist der Krieg für immer in ihr abgespeichert, sie heißt jetzt »Straße des Heimatländischen Krieges«.“ (S. 42)

Dubrovnik

„Dubrovnik verteidigt, als es von den Serben angegriffen wurde. Wochenlang verbrachten sie oft hungrig in den leeren Dörfern oberhalb der Stadt, manchmal wurden sie von den Fischern mit Miesmuscheln versorgt“ (S. 21)

„über Mostar und die Zerstörung der alten Brücke wollen sie mit mir gar nicht sprechen. Sie verweigern sich“ (S. 21)

der Balkan

„Geographische, kulturelle und geistige Peripherien sind dem Zentrum suspekt, werden auch von ihm abgelehnt, um den Erhalt der eigenen Wahrheit zu sichern. Alles Wilde, Chaotische, Nicht-Zivilisierte wird bereitwillig dem magisch auswuchtenden Balkan zugesprochen, der immer mehr zu einer Erfindung des Westens wird. Als Kind wunderte es mich in Hessen, dass »da unten« ein Synonym für meinen Süden wurde.“ (S. 29)

„Mir wird auf meinen Wanderungen durch das dalmatinische Hinterland klar, dass ich seit Anfang der neunziger Jahre immerzu von Schicksalen und Literaturen jener Menschen umgeben bin, die alles verloren haben, die fortgehen mussten oder vertrieben wurden, im Krieg waren, später auf der Flucht, am Körper versehrt und im Geist unversehrt oder umgekehrt (und oft beides zusammen), sie lernten andere Sprachen, tauchten unter, blieben für immer Namenlose im Anderswo.“ (S. 31)

die Brücke von Mostar

„Die Brücke verband die beiden Ufer der smaragdgrünen Neretva seit dem sechzehnten Jahrhundert und galt als ein Meisterwerk der Baukunst, eine Brücke, die Ost und West, die islamische und die christliche Welt in symbolischer Balance hielt, eine Brücke, über die ich in meiner Kindheit viele Geschichten gehört hatte und über die meine Tante Helena fast täglich zur Philosophischen Fakultät ging. Der Anblick der Behelfsbrücke, die ein paar Jahre nach der Sprengung entstand, kam mir vor wie eine eiskalte Prothese, die durch alle Herzen ging und das Zeichen jener wilden Barbaren war,“ (S. 31)

der Friedhof

„Die Verwüstung auf dem serbischen Friedhof ist in der Zwischenzeit nicht mehr sichtbar. Jemand hat dort aufgeräumt, wer aber die Gräber geschändet hat, darf bis heute nicht gefragt werden. Das Bild, das ich mir von außen von der Nachkriegsgesellschaft in meinem Geburtsland gemacht habe, wird auf dieser Reise bei fast jeder Begegnung ergänzt, vervollständigt; jeder, den ich treffe, hat eigene Erlebnisse im Kopf, berichtet von Vorfällen, die Misstrauen und Angst in ihm säten.“ (S. 33)

Dalmatien

„Von den Alten Griechen ist Dalmatien vor allem im Süden besiedelt worden und die Spuren der Römer sind bis heute überall sichtbar, wie etwa jener geheimnisvoll verwinkelte Palazzo des Kaisers Diokletian zeigt, aus dem die heutige Stadt Split entstanden ist. (…)römische Provinz Illyricum, die von der Kvarner Bucht bis in die Bucht von Kotor reichte, erhielt im ersten nachchristlichen Jahrhundert die Bezeichnung Dalmatia. Mittelpunkt der daraufhin folgenden Friedenszeit wurde der Provinzsitz Solana, die heutige Stadt Split, in der sich die zivile und militärische Verwaltung befand.“ (S. 49)

Split

„Im Hinterland von Split durchquere ich Dörfer und Städchen“ (S. 56)

„Es sieht schönen Frauen nach, für die Split im ganzen Land berühmt ist.“ (S. 58)

„Grell leuchtet der weiße Stein der Altstadt von Split. Seit Diokletian seinen Alterssitz erbauen ließ, haben alle Jahrhunderte auf diesen Stein eingewirkt, jeder Sommer, jeder Winter – alle Jahreszeiten, jede Träne, jeder lebensrettende Kuss.“ (S. 60)

„Ich stehe auf dem Gipfel des Marjan-Berges in Split und sehe auf den Hafen, den es in dieser Form gibt, weil der römische Kaiser Diokletian sich in diese Bucht verliebte und hier seinen Alterswohnsitz errichtete. Die außergewöhnliche Lage des Diokletianspalastes machte Split zu einem wichtigen strategischen Posten inmitten des Römischen Reiches.“ (S. 73)

„Split ist nicht nur die erste Stadt, die ich je gesehen habe, sie ist mir bis heute ein sinnlich gedehntes Ereignis, das ich mit nichts anderem bisher Gesehenem vergleichen kann. Schon als Kind liebte ich jede Gasse, jede Statue und ganz besonders den schönen Jupitertempel,“ (S. 73)

„Der Hausberg meiner ersten Stadt hat eine beruhigende Wirkung auf mich“ (S. 79)

„Der Krieg hat die Palmen unversehrt gelassen. Auch der auf der Halbinsel gelegene Hügel Marjan samt jüdischem Friedhof ist nicht zerstört worden. Noch immer ist er für die Fremden ein beliebtes Ausflugsziel mit kurzen Wanderrouten, einem Zoo und uralten kleinen Steinbrücken. Und die Einheimischen, vertreten durch die Jugend mit ihrer Sehnsucht nach Romantik und Marihuana, lassen sich hier in den Abendstunden auch sehen, vor allem nach der hochsommerlichen Hitze,“ (S. 84)

Amerika

„Wir hörten zwei Jahre später, dass der andere es geschafft hatte und nach Amerika ausgewandert war. Am Anfang konnte er in Chicago bei Verwandten unterkommen und war dann einige Jahre Koch in einem bosnisch-amerikanischen Restaurant in St. Louis.“ (S. 46)

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