Handlungsort: Wien und Zagreb
projizierter Ort: Zagreb
Route: Westen – Osten – Westen
Handlungszeit: Ende der 1990er Jahre
Marker: die Türkei, Frankreich, Russland, Deutschland, Amerika, Vojvodina, Novi Sad, Šibenik, Dubrovnik, Hamburg, Spanien
Zagreb
„Ich bin in Zagreb geboren, in Kroatien. Das ist einer von jenen neuen Staaten auf dem Balkan und hat die Form eines Kipferls. Da ich in Österreich lebe – von der Form her eine Keule – bin ich herkunftsmäßig eine Ausländerin. Wie, hier in Österreich, sagen «Ausländer» oder «Ausländerin », aber solche Ausdrücke gibt es in Kroatien nicht. Dort gibt es nur den Ausdruck «Gastarbeiter». Das ist ein alter überholter Ausdruck. Wir sind nicht in Österreich zu Besuch, wir leben hier und integrieren uns. Bis zum Tod. Ich meine, wir leben bis zum Tod, und integrieren uns bevor wir sterben…“ (S. 2)
„In Zagreb nennt man ein Irrenhaus im Vorort Vrapče «das gelbe Haus», weil das Gebäude dieser berühmtesten Irrenanstalt einst gelb gestrichen war.“ (S. 7)
„Die Wohnung war im sozialistischen Eigentum, jetzt kauft er sie in Raten als Privateigentum ab.“ (S. 30)
„Auch meine Freunde in Wien sind nicht gegen Häuser in der Heimat immun. Das hat mit der Sehnsucht nach Heimat zu tun. Sie fühlen die Sehnsucht so stark, dass sie nicht widerstehen können, dort ein Haus zu bauen. (…) Überall sprießen Häuser wir Pilze – das nenne ich private Globalisierung. In dem Haus wohnen sie nicht-dort werden sie erst wohnen, wenn sie in Pension gehen. Sie leben in einer parallelen Welt. In der Wirklichkeit – als Fremde, in ihren Plänen – wie zukünftige Menschen“ (S. 32)
„Aber denken sie nicht, dass ich meine Heimat nicht liebe. Natürlich liebe ich sie. Aber für mich bedeutet Zagreb als Heimat ein paar liebe Leute, Straßen, Rituale, durch die Geschäfte, Kaffee am Dolac, Maksimir, Spaziergänge an der Sava entlang, Jubiläen und alle paar Jahre mein Familienclan. Ich entdecke noch immer schöne Plätze in Kroatien. Ich kannte sie nicht vorher. Auch viele Fremde erzählen mir von schönen Plätzen in Kroatien. Es ist eigentlich seltsam wie die Schönheit unserer Länder immer die Fremden entdecken. (…) Für meine Freunde hier ist alles eingeschränkt – mal ist alles kalt, mal ist nicht alles so schön, wie es sein sollte, alles ist zu teuer, nicht herzhaft, es gibt keine Verständigung, keine menschliche Wärme – so blutrünstig wie Ausländer sind nicht einaml Politiker.“ (S. 34)
Türkei
„Voriges Jahr war ich in der Türkei, ich habe gesagt, dass ich aus Frankreich komme.“ (S. 4)
Deutschland
„Und ich habe einen sympathischen Mann kennengelernt, Ausländer wie ich, lebt in Deutschland, stammt aus Russland.“ (S. 4)
Wien
„Am schwierigsten war es für mich bei der Namensänderung – von Monika zu Monique – dass ich meine neue Identität als fremd empfunden habe, als ob ich über eine wildfremde Person geredet hätte und nicht über mich selbst.“ (S. 5)
„Es gibt kaum ein Land auf der Welt, das Ausländer mag. Die Ausländer werden wie Außerirdische behandelt. Als ob sie drei Köpfe hätten.“ (S. 8)
„Jetzt soll ich ihm über Leute aus Zagreb erzählen, dass Wien für sie nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Deutschland ist.“ (S. 82)
„Als ich nach Wien gekommen bin, war ich in Sachen Einkauf total verloren. Ich bin durch die Phasen des Kaufrausches gegangen.“ (S. 91)
Wien-Danzon
„Das ist ein Club mit Latino Musik. (…) Am Wochenende ist zu viel los, Jugendliche kommen und besaufen sich.“ (S. 28)
„Ja, das Danzon, eigentlich „Floriditas“. Wissen Sie, dass es gleichartige Floriditas in Havanna, London, Dublin und Madrid gibt?“ (S. 29)
Kroatien
„Das Gesundheitswesen in Kroatien funktioniert komisch auf Untersuchungen wartet man bis zu acht Monaten. Und wer zahlt teure Privatärzte.“ (S. 20)
„Sozialismus hat viel Wert auf Ausbildung gelegt. Wir haben alles nachgeholt, was wir vor dem Sozialismus verpasst haben. Kinder von Proletariern und Bauern konnten endlich eine gratis Hochschulbildung bekommen.“ (S. 106)
Grenze
„Oh, Sie sind es, Herr Tomić! Sind Sie in Wien eingetroffen? Noch immer an der Grenze? An welcher Grenze? Es gibt keine Grenzen mehr…. Ach so, an der ehemaligen Grenze…” (S. 13)
Das fremde Land (generell)
“Wenn Sie ein Ausländer sind, dann können Sie sich dafür bei Gott bedanken…. Eigentlich: Nicht bei Gott, auch bei dem fremden Land, in dem Sie den neuen Aufenthalt haben.“ (S. 25)
Dorf-Kroatien
„Mein Onkel Nikola lebt in einer armseligen Hütte in einem Dorf, WC draußen, er züchtet Kleintiere, hat ein Grundstück in den Bergen, aber auch eine Satellitenschüssel auf dem Dach. (…) Wir, in der Stadt, wir haben auch Satellitenschüssel und fast alle (…) haben einen Garten außerhalb der Stadt, neben einem sogenannten Wochenendhaus – eine bedauernswerte Baracke auf einem kleinen Grundstück. Dort züchten wir Tomaten, Karotten, Paprika, Erbsen, Petersilie.“ (S. 32)
Amerika
„Er hat einen Haufen Geld verdient, aber er hat alles in Amerika verloren“ (S. 39)
Vojvodina
Meine Mutter kann Deutsch (…) Ihre Familie väterlicherseits stammt aus der Vojvodina, das ist der nördliche Teil Serbiens, sie sind die deutsche Minderheit in der Vojvodina. Nach dem zweiten Weltkrieg sind meine Oma Tika als kleines Mädchen und ihre Familie nach München emigriert. Sie hat später einen Uhrmacher geheiratet und dann sind sie nach Novi Sad zurückgekehrt. Zuhause haben sie Deutsch geredet, meine Mutter hat Serbisch von Nachbarnskindern und in der Schule gelernt. Sie hat meinen Vater in Šibenik kennengelernt, sie haben in Dubrovnik geheiratet und meine Mutter ist mit ihm nach Zagreb umgezogen. Zu Hause in Zagreb habe ich mit der Mutter oft Deutsch gesprochen.“ (S. 50)
Grenzen
„In jedem Menschen auf dieser Welt fließt ein bestimmter Prozentensatz ausländischen Blutes. Es gibt keinen Menschen, dessen Vorfahren alle aus demselben Land stammen und immer nur eine Sprache gesprochen haben. Das ist unmöglich. Denn die Menschen sind immer in Migration, seit Anbeginn der Menschheit.“ (S. 50)
Ausland
„Im Ausland fällt es einem nicht schwer, Büros und fremde Wohnungen zu putzen. Das Ausland befreit uns von unserer Präpotenz in Bezug auf unseren Status und unsere Bildung.“ (S. 52)
Hamburg
„Stepahn kommt aus Hamburg, Thomas hat ihn im vorigen Simmer in Spanien kennengelernt.“ (S. 59)
Österreich
„Ich habe eine Bitte an die Leute hier in Österreich. Da gibt es ein ziemlich heftiges Problem mit dem Selbstmord.“ (S. 86)
Graz
„Graz ist eine schöne Stadt – erinnert mich stark an Zagreb, das Stadtzentrum mit Straßenbahnen ist wie in Zagreb, nur das Zentrum von Zagreb ist viel größer.“ (S. 120)