Handlungsort/ Setting: Panagjuirischte

Projizierter Ort/ Projected place: keiner

Route: keine

Handlungszeit/ Time of action: 1999

Marker: Plewen, Belene, Pazardschik, Warna, Stara Zagora

Prawez: “Die Journalisten fahren weiter, nach Prawez, zu einer internationalen Konferenz über Humor und Herrschaft, kostensparend, zwei Hasen mit einem Schuss erlegen. Sie sind ausgelassen, der matschige Winter ist vergangen, sie haben noch eine gute Portion Leben vor sich, die Sanduhr oben und unten gleichermaßen voll. (…) Da kommt die spritzige Erinnerung an die Eröffnung des Halbleiterwerks gerade recht, just in einem Dorf namens Prawez, das sie alle zu einem Städtchen aufphrasiert haben, zu Beginn ihrer schlampig formulierten Karriere.“ (S. 10)

 

„Qual der Qual. In einer Wohnung im vierzehnten Stock in einer Trabantenstadt in einem Satellitenstaat. Der Preis: früher zehn Jahre Wartezeit, heute zehntausend Dollar. Ausblick auf unzählige Plattenbauten. Nach Norden hin die Ausläufer des Plana Gebirges, im Süden der kapitale Berg, an seinen Hängen eine Villa, digital befestigt, Sicherheit am Bau. Hier werden die Chrysanthemen mit Bauernschläue bewässert. Eine enge Wohnung, eine geräumige Villa. Zwei alte Männer, die alle Quittungen des Lebens aufbewahrt haben. Im Kopf abgespeichert, abgelegt in den Akten. Die Sterne am Himmel ein Zerrbild, im Spiegel ein entglittenes Gesicht.“ (S. 11)

Vaterland (Bulgarien): „Lieb Vaterland, eine Leiter ohne Sprossen, du Paradies auf Erden, unter Bockshornklee harren Leichen der Lüftung, deine Pracht kennt keine Grenzen, ein Haufen mit Urin aufgespritzter Melonen und am Wegrand Meschen im Schweiße ihrer Verzweiflung. Wir aber flitzen weiter. Ja nicht anhalten“ (S. 11)

 

„Es gibt Tage, an denen reicht der Wasserdruck nicht bis in den vierzehnten Stock hinauf. Es tröpfelt aus dem Hahn. Die Plastikeimer sind vorsorglich gefüllt, der Kühlschrank ist voller Wasserflaschen. Aufs Duschen kann ich vorübergehend verzichten. (…) Vom Küchenfenster aus sehe ich den Zeitungskiosk, daneben die Bushaltestelle, gegenüber die kleine Brücke über den Kanal zum Markt. Sobald morgens das Gitter des Kiosks hochgeht, ziehe ich Hose, Jacke über den Pyjama, hinunter, hinaus, wähle meine Lektüre, jeden Morgen leicht variiert. Zwei Zeitungen pro Tag kann ich mir leisten. Beim Kauf einer dritten muss ich mich beim Abendessen einschränken. Das fällt mir nicht schwer, Entbehrung ist eine Frage der Übung.“ (S. 12)

„Zum Frühstück (ein Stück Schafskäse, einige dicke Scheiben Weißbrot, im Sommer etwas Wassermelone, einige Zwetschgen oder Aprikosen, sonntags ein gekochtes Ei) höre ich im Radio die Acht-Uhr-Nachrichten, danach die Presseschau, gefolgt vom Tagesthema. Bei bedeutenderen Parlamentsdebatten schalte ich den Fernseher an. Eigentlich ist nichts in diesem Land von Bedeutung, außer man glaubt (so wie ich, aus Gewohnheit, aus Sturheit), dass sich in jedem Ausschnitt, mag er noch so nebensächlich sein, etwas Wesentliches spiegelt. Derart geordnet vergeht die Zeit. Ich weiß nicht, womit die anderen ihre Tage ausfüllen. Wenn wir zusammenkommen, einmal die Woche, Mittwochvormittag, fällt es mir zu, die jüngsten Entwicklungen zu analysieren. (…) Sie wollen beweisen, dass sie einen eigenen Kopf haben, ohne ihn zu benutzen. Eine weit verbreitete Malaise. Wir teilen uns eine mitgebrachte Flasche selbstgebrannten Rakija. Einige von uns (nicht viele) bestellen beim Wirt einen kleinen Kaffee. Er serviert ihn mit zwei in dünnem Papier eingewickelten Zuckerwürfeln. (…) “ (S. 14)

„In der Erinnerung der Verwandten waren wir alle, die wir allwöchentlich an diesem schmucklosen Tisch Leitungswasser trinken, einen kleinen Selbstgebrannten, einen Kaffee, die wir unsere Jugend im Gefängnis, im Lager verlebt haben, Jahrzehntelang ein Schamfleck.” (S. 15)

 

Perspektive des Repräsentanten des Widerstands auf das Land

„Unsere Generation, was für ein grausames Pech. Wir wurden in schlimme Zeiten hineingeboren, wir hatten keine Chance.“ (S. 16)

„Wir waren bereit, uns zu opfern, für etwas von höherem Wert als unser eigenes Leben. Das war ein Geschenk des Schicksals. Ich möchte zu keiner anderen Zeit gelebt haben.“ (S. 16)

 

„Der Fahrstuhl fällt häufig aus. Das Gebäude verfügt zwar über einen zweiten, aber in dem brennt das Deckenlicht nicht, seit geraumer Zeit. Die Nachbarskinder haben Angst vor der Enge.“ (S. 17)

Krankenhaus

„Noch bin ich halbwegs bei Kräften, trotz aller Gebrechen. Alter ist ein Feind, unerbittlich wie die Staatssicherheit. Seit Jahren kämpfe ich an zwei Fronten. Der Internist staunt über mein gestundetes Ableben. Ich sei der leibhaftige Beweis, verkündet er mit dem Stolz eines Häretikers, dass der Geist stärker sei als die Materie. Er solle die Latte nicht so hoch hängen. (…) Solange die nicht beglichen ist, werde ich pünktlich das Dutzend Pillen einnehmen, das mich am Leben erhält.“ (S. 20)

 

Boulevard Witoscha – Sofia

„Das also sind die schmerzlichen Lehren aus unserer Geschichte. Wo hast denn die aufgegabelt? In’ner Boutique am Boulevard Witoscha?” (S. 23)

 

Perspektive des Repräsentanten der Macht auf das Land

„Was haben wir uns abgeschuftet, diesen rückständigen Acker in ein modernes Land zu verwandeln, haben zwölf Stunden am Tag geschuftet, bis der Kopf uns auf die Brust fiel. Was war hatten wir für Erfolge. Wer würdigt das heut noch?“ (S. 23)

Das Archiv

Konstantin Milew Scheitanow liest seine Akte: „Der Unteroffizier führt mich durch einen Korridor in einen großen Raum, den Lesesaal des Archivs. (…) Der Saal füllt sich, bald ist jeder Platz besetzt, neunzehn Männer sowie eine Frau. Jeder starrt vor sich hin. Keiner unterhält sich. Tropfen fallen zu Boden. (…) Eine Überwachungskamera ist über dem Porträt des Staatspräsidenten an der Wand gegenüber angebracht.“ (S. 44)

 

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