Handlungsort/ Setting: Berlin
Projizierter Ort/ Projected place: Sarajevo, Paris
Handlungszeit/ Time of action: 2000er Jahr
Marker: Temeswar, Vukovar, Kalifornien, Bakersfield, Mailand, Amerika, Slowenien
Berlin
„Berlin. Eine Stadt, in der seit dem Mauerfall immer alle leben wollten.“ (S. 6)
„1989 war ein Fieber. So etwas hat er, glaube ich, gesagt. Alle wollten nach Berlin. Historische Verlockungen. Mich hat das nicht interessiert. Ich war Studentin an der Philosophischen Fakultät und wollte nicht nach Berlin, ich wollte nach Paris.“ (S. 7)
„Seit fünf Jahren bin ich hier in Berlin zu Hause. Ich beziehe die dritte Wohnung.“ (S. 16)
„Berlin ist laut und still. Im Hof, wo einige neue und viele alte Bäume wachsen und die Vögel, wie auf einem anderen Erdteil, von den Menschen getrennt leben, ist es überwiegend leise.(…) Die großen Flügeltüren in meiner neuen Wohnung habe ich selbst gestrichen. Der Holzboden ist honigfarben. Ich weiß schon, wo die Dielen knarren. Im ganzen Haus herrscht eine seltsam schöne Stille. Nur die Schritte des westdeutschen Läufers sind manchmal im Treppenhaus zu hören. So beruhigend empfinde ich ihn“ (S. 17)
„Draußen vor meinem Fenster fällt langsam die Nacht in die Wipfel der Bäume. Silberpappeln. Birken. Sogar ein uralter Maulbeerbaum steht im Hof. Mitten in Berlin. In meinem Hinterhof.“ (S. 18)
Immer wieder habe ich Mischa nach meinem Fortgehen gefragt, ob er mich in Berlin besuchen kommt. Ich wollte ihm Berlin zeigen, so wie er mir damals Paris gezeigt hat. (…) Mischa war in Charlottenburg geboren. Als er endlich mit Dora nach Berlin kam, war er es, der mir die Stadt seiner Kindheit und die Maulbeerbäume am Schlosspark und die Blauglockenbäume im Volkspark am Weinberg zeigte. Weder den einen noch den anderen Baum hatte ich in Berlin vermutet.“ (S. 20)
„Die Männer von der Umzugsfirma haben mir alles in den fünften Stock hochgetragen, einen alten Kleiderschrank, den ich auf dem Trödelmarkt auf der Straße des 17. Juni in Charlottenburg gekauft habe, ein Sofa mit prachtvollem Blumenmuster, ein Geschenk von Nadeshda und Großmutters istrischen Tisch. Ich habe die Fotos darauf ausgebreitet.“ (S. 23)
„Nun wohne ich zum ersten Mal ganz oben, Berliner Altbau, fünfte Etage.“ (S. 24)
„Ich arbeite jetzt als Kostümbildnerin für ein Theater am Kurfürstendamm. Nadeshda hat mir den Job vermittelt und ich fahre mit dem Fahrrad jeden Tag von Wilmersdorf nach Charlottenburg.“ (S. 26)
Jugoslawien
„Onkel Milan unterrichtete abwechselnd an den Universitäten von Split und Belgrad und war bei seinen Studenten sehr beliebt. Irgendwann fand man in seinem dalmatinischen Haus während der Hundstage, wenn alle Tiere faul in der Sonne herumliegen und jeder sich vor der Hitze ins Innere der Häuser rettet, eine frisch gedruckte sowjetische Zeitung. Das war damals nicht nur illegal, es war lebensgefährlich. Mein Onkel wurde verhaftet und musste stundenlang vor einem mehrköpfigen Komitee wiederholen, dass Tito schlauer als Stalin war“ (S. 9)
die belagerte Stadt Sarajevo
„Auch meine Eltern wollten es nicht wahrhaben, dass eine reale Bedrohung für unsere Stadt bestand. Dann fing alles an, Alltag zu werden. Tod der Zwillingsbrüder.“ (S. 14)
„die Menschen am Anfang zu den Bergen wie zu alten Göttern hinaufgesehen und mit ihnen gesprochen hätten. Das hier ist eine europäische, eine zivilisierte S-T-A-D-T! So etwas haben sie den Bergen sagen wollen. Diese Stadt ist keine Wildnis! Sie gehört zur ZI-VI-LI-SA-TION! Ich habe meinen Vater nie weinen gesehen. Auch meine Mutter sah es damals zum ersten Mal. Die Leute haben draußen weiter geschrien. Hört ihr uns! Das hier ist eine Stadt! Das hier ist STADT! Das hier ist STADT! Aber die Berge hörten sie nicht.“ (S. 19)
„Meine Mutter und mein Vater sind in der Stadt geblieben. Keller. Ängste. Granaten. Hunger. Feuer. Flammen. Überall Flammen. Fensterlose Häuser.“ (S. 33)
„1425 Tage dauert die Belagerung, es ist die längste des 20. Jahrhunderts. Es fallen Granaten. Durchschnittlich 329 pro Tag. Das macht 486 825 Granaten. Das hier ist EINE STADT, ihr Hurensöhne! Wir lassen nicht zu, dass ihr einen Krieg anzettelt! Wir überlassen unsere Stadt nicht den Barbaren! Wir lieben UNSERE STADT! Ihr elenden Barbaren! Es war auch eure Stadt! Es waren auch eure Straßen! Eure Cafés und Bars! Eure Winter! Eure Sommer! Eure Jahreszeiten! Eure Jugend! Ihr habt in unseren Gassen gesungen und geweint! Die Gassen haben eure Schritte“ (S. 34)
„Der Strom wird ihnen abgestellt. Sie kochen sich etwas im Garten. Der Kirschbaum wird gefällt. Mein Großvater, der Diplomat, hat ihn gepflanzt. Holz ist vonnöten. Großvaters Liebe, Großvaters Diplomatie, sie zählen jetzt nichts mehr. Sie sind immateriell. Belanglose Erinnerung. Es ist kalt in der Stadt.“ (S. 37)
„Irgendwann brachen in der belagerten Stadt die Telefonleitungen vollständig zusammen.“ (S. 43)
die Donaustadt
„Alles, was Silva mir über sich erzählte, handelte davon, wie sie zu ihrem neuen Leben nach dem Fall ihrer Stadt kam. Erst hatte sie geglaubt, dass sie die letzten Jahre einfach vergessen könnte, dass sie die Lücken in ihrer Erinnerung nutzen würde, bis sich mit der Zeit an ihre Stelle etwas anderes setzen würde. Aber die Bilder von der Donaustadt sind immer wieder zu ihr zurückgekehrt. Zuerst das Schimmern des Wassers. Dann der vereiste Fluss in jenem eisigen Dezember. Die unheimliche Stille danach, eine Stille, aus der heraus sie wie in Zeitlupe die Beine eines Uniformierten vor sich sah.“ (S. 59)
Konzentrationslager Jasenovac
„Achtzigtausend Menschen kamen dort ums Leben und es gab mehrere Todestransporte nach Auschwitz.“ (S. 11)
Kahle Insel
„berüchtigte Hölle der Adria“ (S. 9)
„ich konnte mir nicht ausmalen, was für ein Schicksal meinen Onkel Milan und meine Tante Sofija auf der Kahlen Insel erwartet hätte. Andere Menschen, erklärte mein Vater, waren wegen ähnlich harmloser Sachen in die Strafkolonie geschickt worden. Viele stürzten sich irgendwann von den Klippen der Insel in die Fluten der Adria. Der Selbstmord war ihre einzige Möglichkeit, in Würde wieder sie selbst zu werden.“ (S. 11)
Paris
„erlaubten mir, in Paris Philosophie zu studieren. Seit Großvaters Diplomatenzeit hatte das Tradition in unserer Familie.“ (S. 7)
„Die Schnelligkeit der Stadt überforderte mich. Die Laute, Sätze, Geräusche sprachen auf meinen Spaziergängen förmlich auf mich ein. Meine Lücken nahmen von Tag zu Tag zu. Manchmal spürte ich, wie sich in meinem Kopf ein dumpfer Raum auftat und wie sich danach etwas in mir staute. Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, fiel mein Kopf nach hinten.“ (S. 27)
„Auch wenn ich in der Stadt unterwegs war, mitten in Paris, fühlte ich, wie die Dumpfheit der drohenden Lücken sich meiner bemächtigte. Und wieder wusste ich nicht, ob ich meine Métro-Station verpasst oder im Café, beim Bäcker, im Museum die Leute mit meinem in den Nacken gelegten Kopf befremdet hatte.“ (S. 27)
„Anfangs gingen Mila und ich oft zum Boulevard Beaumarchais, sahen uns die Geschäfte und Wochenmärkte an, machten kleine Spaziergänge. An der Bastille kannte ich schon alle Cafés, wo wir einkehrten und etwas tranken, und manchmal gingen wir auch gemeinsam ins Kino. In einem der umliegenden Cafés las ich an den Nachmittagen immer die Zeitung.“ (S. 28)
„Mit der Métro fuhr ich jeden Tag zum Boulevard Raspail, ich besuchte Vorlesungen und Seminare.“ (S. 29)
Frankreich
„Auf dieser ersten Reise nach Frankreich wollten wir uns um meine Einschreibung kümmern und die Verwandten besuchen. Wir freuten uns auf die guten Croissants und den französischen Café Crème, den Vater, ganz und gar ernsthaft, zu den wichtigsten Geheimnissen und Errungenschaften der Grande Nation zählte.“ (S. 8)
„Unsere kleinen Einkäufe aus der Galérie Lafayette trugen wir wie eine kostbare Beute ins Haus“ (S. 13)
Friaul
„Wir übernachteten bei einer befreundeten Familie im Friaul.“ (S. 8)
Istrien
„Mutter war mit meinen Brüdern schon seit zwei Wochen in Istrien. Wie jeden Sommer waren sie zuerst ans Meer zu unserer Großmutter Inge gefahren“ (S. 7)
„Vater erzählte mir zum ersten Mal ausführlicher von damals. Ich konnte das Schluchzen meiner verängstigten Großmutter in Istrien geradezu hören.“ (S. 12)
„Das Meer jener Sommer. Die Augusttage unserer Kindheit in Istrien.“ (S. 15)
„Die Palme hinter dem Haus ist auf einem der Fotos zu sehen. Auch die alte Sommerküche. Die Erdbeeren. Die Pfirsiche. Die gegrillten, die panierten Sardinen. Ich kann den Fisch geradezu riechen. Die Sinne verknüpfen sich mir von alleine. Der schöne alte Marktplatz mit der kleinen Kirche des Heiligen Stefano. Der weiße Stein dalmatinischer Sonneninseln. Die Alten Römer und ihr Imperium, überall Reste dieser anderen Zeit (…)Die venezianischen Fenster, das Glaswerk istrischer Stein in Venedig“ (S. 21)
Temeswar
„Lepa Brena war den Jugoslawen nicht nur wegen ihrer Schönheit wichtig. Auch die Menschen in Rumänien verehrten sie. Sie war eine besondere Vorbotin der Freiheit. In einem hautengen goldenen Kleid sang sie 1984 in Temesvar vor sechzigtausend Menschen auf einem Kran das gleiche naive Lied wie wir auf unserer Sommerreise. Und jene Menschen, die ihr in Temeswar zujubelten, gingen als erste auf die Straßen und stürzten den verhassten Diktator.“ (S. 13)
Vukovar
„in Vukovar, die totale Zerstörung dieser Stadt, das Massaker im Lebensmittelkombinat, das noch im November für Erschütterung und Trauer gesorgt hatte“ (S. 14)
Amerika
„bevor sie nach Amerika flog, wieder zu anderen Verwandten. Sie lebten dort seit dem Kriegsausbruch. Im Zentrum von Saint Louis hatten sie eine kleine Bäckerei aufgemacht, die sich nach kürzester Zeit etablierte.“ (S. 54)
die Donau
„Die Donau glitzerte, am Morgen war sie noch ein stolzer alter Fluss gewesen. Jetzt war sie alt und schwanger. Silva wagte nicht zu atmen. Der Fluss war voller Leichen. Ein Grenzfluss, an dem sich die Vorkommnisse von früher wiederholten. Aus dem Nichts tauchten Bagger auf. Die Leichen wurden ins Wasser gehoben, sie versuchte wegzusehen, aber sie konnte nur gelähmt auf die Donau starren und denken, dass die einzelnen Gliedmaßen doch bestimmt schon in Novi Sad waren, dort einen Angler erschrecken und dann im Unterlauf, am Eisernen Tor, im Banater Gebirge einen Menschen entsetzen könnten“ (S. 60)
„Silva dachte an den Verlauf der Donau, an ihre wilde Beharrlichkeit, mit der sie die Grenzen, Sprachen und Länder ignorierte, die immer weiter floss, wie sie es seit Urzeiten getan hatte. Silva lag im Gebüsch und hörte die Wucht der Donau, sie trug ihre Last weiter, kümmerte sich nicht um sie und dieses Gebüsch, nicht um ihre Erinnerungen, nicht um ihre Angst, nicht um ihr lächerlich laut klopfendes Menschenherz, Temperaturen, Gedanken und Krankheiten waren dem Fluss egal. Die Donau floss ihrem Ziel entgegen, wuchtete ihre Eingeweide nach vorne, war eine unermüdliche Arbeiterin, die sich auf ihrem Weg zum Schwarzen Meer von nichts und niemandem aufhalten ließ. Als Silva mir von den kalten Dezembertagen erzählte, wurde mir schlagartig klar, dass die Donau schon immer ein Grenzfluss gewesen war, ein Fluss, an dem es ganz leicht passieren konnte, dass ein Mensch innerhalb eines einzigen Lebens zu einem anderen Land, einer anderen Nation, einem anderen Pass gezählt wurde.“ (S. 61)
Slawonien
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Sara