Handlungsort/ Setting: Višegrad, Oskoruša, Hamburg

Projizierter Ort/ Projected place: Višegrad, Heidelberg

Route:  Osten – Westen – Osten

Handlungszeit/ Time of action: 2018

Marker: Jugoslawien, Stanisevac, Kroatien, Belgrad, Eichendorff

Bosnien

„In Bosnien hat es geschossen am 24. August 1992, in Heidelberg hat es geregnet.“ (S. 123)

Višegrad an der Drina

„Der März in Visegrad ist der verhassteste Monat, weinerlich und gefährlich. Im Gebirge schmilzt der Schnee, die Flüsse wachsen den Ufern über den Kopf. Auch meine Drina ist nervös. Die halbe Stadt steht unter Wasser.“ (S. 6)

„Die Meisterstrecke begann unter dem Gipfel des Grad, wo im Mittelalter ein Turm über das Tal gewacht hatte, und endete nach einer engen Kurve vor dem Abgrund.“ (S. 9)

„Belgrad knapp 250 Kilometer entfernt lag“ (S. 13)

„Mit der langen Reise meinte er die Flucht aus unserer besetzten Heimatstadt, wo betrunkeneSoldatenihre Lieder sangen, als feuerten sie eine Mannschaft an.“ (S. 16)

„Višegrad war Mutters Erzählung von einem Krankenhaus im Regen, war Gerennedurch die Straßen als Räuber und Gendarmen, war, zwischen den Fingern, die Weichheit der Fichtennadeln, war das Treppenhaus bei Großmutter mit unzähligen Gerüchen, war Schlittenfahren, war Schule, war Krieg, war gewesen.“ (S. 62-63)

„Großvater verließ Visegrad mit einem Hilfskonvoi. Außerhalb der Stadt wurde der Konvoi angehalten. Bewaffnete stürmten die Busse und befahlen allen auszusteigen. Unter den Soldaten waren zwei Männeraus Vi3egrad, die Großvater kannte. Er lächelte, gab ihnen die Hand und fragte sie nach ihrem Befinden. Diesen Halt überlebten alle.” (S. 75)

Die Urgroßeltern „bauten sich ein Haus an der Drina. Die Fassade weiß, Fensterläden aus Espenholz, Moos überwuchs bald das Dach, fünf Kinder kamen zur Welt. Auf der Ter- rasse konntest du deinen Kaffee über dem Fluss trinken und Rumsa singen hören. Im Schatten zweier schwarzer Maulbee- ren spielten die Kinder im Garten, stand ein Tisch, gediehen Kürbisse. Auch meine Mutter verbrachte als Kind gute Tage unter den Maulbeerbäumen. (…) Beide Urgroßeltern zog es zum Wasser ein Leben lang. Und das Wasser kam zu ihnen. Im März 1975 regnete es vierzehn Tagelang, im Gebirge schmolz der Schnee — die Flut ließ das Haus der Urgroßeltern unbewohnbar zurück. Die Familie versammelte sich in der überschwemmten Stube knöcheltief im Schlamm.“ (S. 79-80)

Jugoslawien

„Das Land, in dem ich geboren wurde, gibt es heute nicht mehr. Solange es das Land noch gab, begriff ich mich als Jugoslawe. Wie meineEltern, die aus einer serbischen (Vater) bzw. einer bosniakisch-muslimischen Familie stamm ten (Mutter). Ich war ein Kind des Vielvölkerstaats.“ (S. 13-14)

„Meine Familie lebt über die ganze Welt verstreut. Wir sind mit Jugoslawien auseinandergebrochen und haben uns nicht mehr zusammensetzen können. Was ich über Herkunft erzählen möchte, hat auch zu tun mit dieser Disparatheit, die über Jahre mitbestimmt hat, wo ich bin: so gut wie niemals dort, wo Familie ist.“ (S. 66)

„Ich bin in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt. Der 29. Novemberist Tag der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. An dem Tagtreffen sich Jugoslawen, die es nicht mehrgibt, an jugoslawisch aufgeladenen, symbolischen Orten. Wenn sie am 29. November, dem Tag der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, die es nicht mehr gibt, zusammenkommen,gibt es sie noch. Es zählt die Selbstbestimmung, oder?” (S. 90)

Slowenien

„Am 27.6.1991 fanden in Slowenien die ersten Kriegshandlungenstatt. Die Alpenrepublik erklärte sich für unabhängig von Jugoslawien. Es folgten Scharmützel in Kroatien, Horrorin Kroatien, dann die kroatische Unabhängigkeitserklärung.“ (S. 14)

Oskoruša

„Im Osten, unweit von Vißegrad,liegt in den Bergen, grundsätzlich schwer und bei unwirtlicher Witterung gar nicht zugänglich, ein Dorf, in dem nur noch dreizehn Menschenleben. Die dreizehn habensich dort niemals fremd gefühlt, glaube ich. Sie sind nicht von woanders hergekommen, haben die längste Zeit ihres Lebens an diesem Ort verbracht. Gewiss ist auch: Die dreizehn gehen nirgendwo mehrhin. Sie werden die Letzten sein. Hier oben (oder in einem Krankenhaus im Tal) enden sie und mit ihnen endet ihr Gehoft — die Kinder werden nicht übernehmen – (…)Die Zäune werden nichts mehrtrennen, was eine Bedeutung hat, die Äcker werden brachliegen.“ (S. 18)

„Mein Großvater Pero war hier geboren und hatte seine Kindheit in diesen Bergen verbracht. Gestorbenist er 1986 in Višegrad vor dem Fernseher.“ (S. 19)

„Die harte, unebene Piste nach Oskoruša tat dem Yugo nicht gut. Der kleine Wagen gab sich große Mühe, ohne Achsenbruch aus den Schlaglöchern herauszufinden“ (S. 25)

„Es gibt in den bosnischen Bergen, im äußersten Osten des immerfort tragischen Landes, ein Dorf, das es bald nicht mehr geben wird. Oskorusa. In den Achtzigern lebten hundert Menschenhier. Einer spielte Gusle. Einer veranstaltete Domino-Abende. Und einen gab es, der Drachen aus Wachs schnitzte. Man hat die Winter in Fellen überstanden und im warmen Streit beim Domino-Spiel. Im Sommer hat man sich ordentlich eingeschmiert. Einmal verlief sich ein Rucksacktourist aus Island hierher, er lächelte viel und belegte bei einem der Domino-Turniere den ehrbaren vierten Platz. Die Abgeschiedenheit war während der Kriege vermutlich lebensrettend. Oskorusa blieb unversehrt, bis auf die Männer, die sich freiwillig diesen oder jenen angeschlossen hatten und verlorengingen.“ (S. 31)

Friedhof in Oskoruša

„Gavrilo führte uns zügigen Schrittes zu einer schiefen Wiese, von schiefen Bäumen gesäumt. Die Sicht war frei nach Westen, wo über milden Hügeln, auf denen einzelne Häuser und Höfe verstreut lagen, ein Berg aufragte, dichtgrüne Wälder, fast bis zum Gipfel, und der Gipfel nackterFels, rötlich in der Sonne. Die Toten haben einen schönen Ausblick in Oskoruša.” (S. 26)

Sarajewo

„im Winter 1984. In Sarajevo fand gerade die Olympiade statt“ (S. 20)

„Mutter schrieb sich für Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Marxismus in Sarajevo ein. Sie war nicht ambitioniert, sie war interessiert. Nun fuhr sie selbst oft mit dem Zug zwischen Višegrad und Sarajevo“ (…)Die Bahntrasse führte durch das Tal der Drina. (S. 118)

„Mutter bezog einen kleinen Studentenkredit und leistete sich nur ein Mal im Monat eine warme Mahlzeit außerhalb der Mensa. Wenn einer seiner Züge in Sarajevo hielt, brachte Großvater ihr Essen aus Višegrad mit. Mutter wartete am Gleis. Er stieg aus, lächelnd und verrußt. Roch nach der Kohle, die ihre Pita in der Lokomotive warm gehalten hatte. 1980 kehrte sie nach Višegrad zurück mit knapp den besten Abschlussnoten ihres Jahrgangs, wurde MarxismusDozentin am Gymnasium.“ (S. 119)

Banat

„Im Banat lernte sie (die Tante Zagorka) fliegen von einem ungariI schen Piloten und verliebte sich, während einer milden Nacht | auf einem Rollfeld in der Pannonischen Tiefebene, nicht in ihn.“ (S. 22)

Wien

„In Wien putzte sie (die Tante Zagorka) drei Jahre lang in Militärkasernen die Klos und ließ sich am Ufer der Donau von Aleksandr Nikolajewitsch, einem blassen sowjetischen Oberfeldwebel im Veterinärdienst, Russisch beibringen.“ (S. 22)

Hamburg

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