Handlungsort/ Setting: Dorf “P” Banat, Sandhofen, Budapest, Wien

Projizierter Ort/ Projected place: kein

Route: Westen – Osten

Handlungszeit/ Time of action: 2000

Marker: Russland, Arad

Dorf “P” – 50 km von Temeswar – Banat

„(das Dorf kam zu Rumänien) obzwar unser Dorf gar nicht zu Rumänien wollte und schon längst nicht zu den Serben, sondern bei dem alten Kaiser“ (S. 70)

„ (Kriegsfilme mit den Russen; die man) uns im Dorfkino zeigte, sonntags vormittags, damit wir nicht in die Kirche gingen“ (S. 14)

1918: „Und für den Tod des Thronfolgers waren schließlich die Serben verantwortlich, dann also schon lieber zu den Rumänen. Und das war auch ein Glück, daß wir zu den Rumänen kamen und nicht zu den Serben, und daß es ein Glück war, ein richtiges Glück, sollte uns aber erst viel später klarwerden, nach dem nächsten Krieg, dem zweiten, als die Serben ihre groBe Raserei bekamen und die Deutschen abschlachteten wie das Vieh“ (S. 71)

„ Oben, in den Straßen auf dem Hügel, wo auch die Dorfmitte war, lebten die Begüterten, genauer gesagt die Nachfahren der Begüterten, denn ihre Güter waren ihnen längst von den Kommunisten weggenommen worden. So war ihr Begütensein zwar nur noch symbolisch, aber sie pflegten diese Symbolik bis in die Heiratspolitik hinein“ (S. 107)

„Wallendes Weizenfeld. So weit das Auge reicht, Feld und Himmel. Gelb und blau. Ein letzter Blick, Ein Foto.“ (S. 8)
 „Die Bonzen haben zu viel geklaut. Zu viele ihrer Hofe mitasphaltiert. So reichte der Asphalt nicht aus, und nun sind seit zwanzig Jahren drei Kilometer Kopfsteinpflaster zu überwinden.“ (S. 28),

„Haus um Haus zieht das Dorf der Toten an mir vorbei.“ (S. 11)

„Da unten, unsichtbar, lebt das Dorf weiter. In einer Wiederholungsschleife, die so lange läuft, wie die Erinnerung standhält. Ich murmele die Namen. Solange ich die Namen noch weil, kann das Dorf unter der Erde weiterbestehen“ (S. 11)
„Drüben ist der Damm, der Deich, den noch die Österreicher gebaut haben. Nachdem sie die Türken verjagt hatten und unsere Ahnen angesiedelt haben. (…) von Maria Theresia. Prinz Eugen hieß der Befreier. Der edle Ritter, wie das Lied über ihn besagt.“ (S. 28)
Gegenwart: „Seit meiner Kindheit wollte ich aus diescn Dörfern weg. Es sind Orte zum Weggehen. Ich wollte in die Stadt (….) Alle wollten weg, alle wollen weg. Wer weggeht, geht immer weiter. Als suchte er das Zentrum der Welt, aber überall ist nur ihr Ende.“ (S. 34)
Gegenwart: „Wer das Dorf verlässt, kommt als ein anderer zurück. Als einer der hinter einer Wand war, hinter der man im Dorf die Welt vermutete.“ (S. 46)
„Das Dorf war auf und um einen Hügel herum errichtet worden, die Häuser standen an unregelmäßigen Straßen. Der Hügel war so zugebaut und hatte so eine geringe Erhöhung, daß man ihn gar nicht als Hügel wahmahm. Seine Bedeutung als Hügel war mehr eine historische, eine Angelegenheit der Dorfchronisten. Ursprünglich soll der Ort im Tal, also in der flachen Landschaft gelegen haben, denn als Tal war auch diese schwer zu erkennen.“ (S. 105)
„Jedenfalls, das sagen mir meine Geschichtskenntnisse, ist das Dorf in seiner Anlage untypisch. Die meisten Banater Dörfer sind Straßendörfer vom Wiener Reißbrett.“ (S. 105), 

„Als ich wach werde, höre ich als erstes einen Hahn krähen. Danach Hundegebell. Willkommen auf dem Lande. Zeitloses Leben” (S. 270)
 „Wochenendhäuser der Neureichen, der Wendeprofiteure“ (S. 271)

Casino im Dorf

“wo die Reichen des Dorfes hingehen, die Noblen (…) Das Casino ist nicht wirklich ein Casino. Es ist alles in einem: Cafe und Ballsaal, Billard und Tischtennis, Salon und Kartenrunde. Es ist alles, auBer ein Wirtshaus. In den Wirtshausern hocken die Bauern und die Handwerker.“ (S. 27)
– Tango war der Tanz der Handwerker, der sie von den Bauern unterschied (S. 80)

Wirtshaus im Dorf

„Es gibt, außer den vielen kleinen Klitschen an den Straßenecken, das Wirtshaus der Bauern und das Wirtshaus der Handwerker. Eigentlich sind es Ballhäuser, in denen die Jugend samstags tanzt.“ (S. 27)

Banat

„In meiner Kindheit gehörten die Felder niemandem, die gehörten dem Staat. Es wuchs mal Weizen darauf, mal Mais. In endlosen Reihen. Der Mais war uns Kindern lieber, weil wir zwischen den Stauden herumtoben konnten (…) Fangen spielen und sich verstecken. (…) Der Mais bildete für das Kinderauge ein Labyrinth.“ (S. 9)
„Mein Großvater sah darin die unsichtbaren Linien der früheren Aufteilung. Die schmalen Gräben, die die damaligen Besitzer der Felder zur Markierung gezogen hatten. (…) In Bastians Kopf waren die Besitzverhältnisse der Vorkriegszeit wie auf einer Landkarte markiert.“ (S. 10)
„Gänse rennen über die Fahrbahn, Hunde springen an die Bretterzäune, Kinder winken. Barfüßige Kinder. In den Höfen werden Hühner geköpft.“ (S. 33)

„Vor mir das flache Land des nordlichen Banats. Die Heide. Die Kastanien am Straßenrand, die Maulbeerbäume, die verlorenen Akazien am Horizont. Wäldchen waren das einmal, kleine Akazienwäldchen, die die Ackerflächen und Weiden zierten, zur Grundwasserregulierung. So hatte man sich das seinerzeit in Wien ausgedacht, in den Ämtern, die die Kolonisation planten. Im kaiserlichen Wien der Maria Theresia. Sie hatten einen Ordnungsgedanken im Kopf, dem alles unterworfen wurde, auch die Natur.“ (S. 18)
„In den letzten Zwanzig Jahren haben Zigeuner und Rumänen um die Wette abgeholzt. In der Zeit des Diktators aus Not und danach, weil es keine Autorität mehr gab, die davon abhalten konnte. Sie hatten ihre Freiheit.“ (S. 18)

„Das Banat ist unsere Heimat«, wie GroBmutter zu sagen pflegt. Und das Banat ist anders als der Rest Rumäniens. Das Banat ist überhaupt nicht Rumänien. Irgendwie gehört das Banat uns. Weil wir, nämlich unsere Vorfahren, aus dem Banat das gemacht haben, was es heute ist. Eine Kornkammer.“ (S. 208)

Dorf – Friedhof

Trauergemeinde; die „alten Menschen, jeder mit der Last seiner Geschichte.“ (S. 11)

Dorf – Kriche

„die ganze Kirche kam mir wie eine Verkleidungsangelegenheit vor“ (S. 12)
„Der Pfarrer, der Rumäne, sprach sein holpriges Deutsch. (…) Das gute Deutsch ist unter der Erde oder in Deutschland. (S. 15)
„Das Totenhaus war eine Ruine, der Leichenwagen darin nur noch ein Gerippe.“ (S. 15)

Dorf – Elternhaus

„Es hatte drei Zimmer. Das größte, zur Straße hin, war die gute Stube, die man nur in besonderen Fallen, zu feierlichen Anlässen, betreten und benutzen durfte. In dem kleineren Zimmer, das ebenfalls zur Straße ging, wohnten meine Großeltern, das andere, das Zimmer zum Hof, bewohnten wir: Mein Vater, meine Mutter und ich. Wenn man das Haus vom Hof aus betrat, kam man zuerst in ein kleines Vorzimmer, nach links ging es in unser Zimmer und geradeaus in das Zimmer meiner Großeltern. Wenn man aber in die gute Stube wollte, mußte man durch das Zimmer meiner Großeltern gehen. Die Großeltern hatten den Blick zur Straße und den Zugang zur guten Stube. Das Haus gehörte meiner Großmutter, es ruhte auf ihr, wie man im Dorf zu sagen pflegte.“ (S. 60).
“der Mühlstein vor dem Haus. Der uralte Mühlstein aus der Wassermühle, den mein Vater dort abgelegt hat, als Wahrzeichen und Sitzbank (…) Kein Mensch braucht mehr einen Mühlstein, (…) Der nutzlose Mühlstein wurde zur kalten Sitzgelegenheit.“ (S. 6)
„Im Grunde geht es um die liebe

Nostalgie. Der Geruch der Räucherwurst und der Geschmack der Aprikosenmarmelade, sie sollen an die verschwundene Kinderwelt erinnern, auf die sie in Deutschland nichts bringt“ (S. 8)
„Das Haus wurde vor dem Ersten Welkrieg gebaut“ (S. 10)
„Und es hieß unverändert »unser Haus« auch in den Fünfziger jahren, als die Kommunisten es uns weggenommen hatten, ne aber weiterhin drin wohnen lie den. Sie nahmen es uns auf dem Papier weg und gaben es uns auf dem Papier wieder zurück. Wir hatten Glück, andere hat man deportiert.“ (S. 10)
– das Haus wurde im II. Weltkrieg zur Hälfte zerstört
„Theresia (Großmutter des IE) und Martha (Tante des IE) sterben Ende der siebziger Jahre. In unserem Haus leben jetzt nur noch Lissi und Karl.“ (S. 208)

Temeswar

Studiumsort des Ich-Erzählers und seiner Frau Monika (Monika studierte Germanistik, er an der Baufakultät); obwohl sie aus demselben Ort kamen, wurden sie in Temeswar ein Paar<
Kommunismus:„ Als ich meinen Baustellenjob antrat, bekam ich eine Zweizimmerwohnung , von meincr Baufirma zugeteilt. Wir zogen aus dem Studentenwohnheim aus. Meine Wohnung lag in einem Neubauviertel, gleich hinter dem Stadtzentrum.“ (S. 212)

Rumänien

„die fahren hier wie die Irren (…) Sie fahren wie die Säue.“ (S. 12)
– Rumänen werden abwertend „Walachen“ genannt; die „Rumänen spucken, hieß es, die Walachen. Wer wollte schon ein Wallache sein.“ (S. 13)

Budapest

„In einen Hafen namens Budapest. In die Innenstadt. Parke am Blaha Lujza ter. Gehe in eines der Hotels am Platz” (S. 51)
„Es ist eines dieser ehemaligen Staatshotels, aufgekauft von irgendeiner West-Kette“ (S. 51) “An der Rezeption warnt man mich vor Taschendieben
und allerlei anderen Ubeltatern. Die Warnung gehort zum
Service. Ist inklusive (…) Sie haben das Ganze sogar gedruckt vorliegen.
Als wollten sie den schlechten Ruf der Stadt noch untermauern.” (S. 51)

ein „bankrottes Exstaatshotel“ (S. 52)

„Ich laufe trotzdem den verlassen wirkenden Boulevard runter, die Rakoczi ut, nehme anschließend die U-Bahn zum Vorosmarty ter. Schlendere zum Donauufer, blicke hinüber zur postkartenhaft beleuchteten Burg, setze mich an eine der Buden, trinke ein Bier. Tagsüber sind hier die Folkloreverramscher“ (S. 51)

„Ich mache einen Spaziergang durch die SeitenstraBen des Erzsebetvaros, der Elisabethstadt.“ (S. 55)
Österreich Ungarn: Ort, wo der Onkel, Bruder des Großvaters ein Handwerk erlernt hat (musste nach der Machtaufnahme der Kommunisten zurück ins Banater Dorf kehren); „Durchgangsort“ (S. 58) 

„Wahrscheinlich haben sie nicht vie! mehr von der Stadt gesehen als die Bahnhöfe, die Kasernen und irgendeine Kneipe mit zwielichtiger Kundschaft.“ (S. 58)
der beste Kaffee der Welt, von den Türken hinterlassen, als „Pfand für das Massaker an unsere Kultur“ (S. 76), eine „berüchtigte Schnittstelle zwischen Ost und West, dem Tor zur westlichen Welt. Er hat große Zeiten erlebt und Zeiten des Niedergangs. Nyugati palyaudvar. Am Ende des Sozialismus war er wie die gesamte Stadt nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein mit Grünspan überzogenes Schmuckstück. Ein Ort des stummen Verfalls.“ (S. 57)

Budapest – Bahnhof

„ein prächtiger Bau mit großzügigem Metall- und Glasdach und Glasfassade, ein architektonisches Juwel aus Budapests großen Zeiten vor der Jahrhundertwende (….) . Als wollten sie mit der Archirekrur die Ewigkeit herausfordern.“ (S. 58)

„Der Bahnhof wurde kürzlich renoviert. Wegen der Rückkehr nach Europa, wie die Medien betonen. Als kehrten jetzt ganze Völker aus der Barbarei in die Zivilisarion zurück.“ (S. 59)

„Im rechten Seitenflügel hat sich McDonald’s eingerichtet.“ (S. 60)

 „Nyugati. Hier sind alle durchgekommen. Hier waren John und Kathy unterwegs nach Amerika und wieder zurück. Hier war John noch einmal, bevor er an die Italienfront kam. Und hier war auch der Bieber Bastian, mein Großvater, der Honvéd, den sie dann nach Przemyśl verlegten und von dort nach Galizien hinein. Hier waren sie alle. Meine Mutter und meine Großmutter auf der Durchfahrt nach Wien, im September 44, als sie vor den Russen flohen. Und ein Jahr später, als sic zurückfuhren ins Banat, nachdem der Bruder in Wien, Franz, sie für wahnsinnig erklärt hatte.“ (S. 58)

Ungarn

„Ich fahre allein durch Südungarn, durch die Komitate. Wie durch ein Niemandsland. Ich fahre fast blind über die Landstraßen, die baumgesäumten Landstraßen, die südungarischen, die menschenleeren. Die Landschaft ist wie im Banat, die Häuser auch, nur die Straßen sind besser, sie waren schon im Kommunismus besser. So ist das mit den Ungarn. Egal, was ihnen zustößt, sie richten es immer so ein, daß es etwas besser aussieht als bei ihren Nachbarn.“ (S. 43)

Sandhofen

„öd“ (S. 50); „vergammelte Wohnung. Zu meinem Baubankrott. Zum Zoff mit Birgit.“ (S. 50)
„was erwartet mich im öden Sandhofen?“ (S. 50)
„Einkaufsstraße, Kaufhaus, Klamottenladen, Reiseutensilien, alles fürs Kind, Supermarkt, Eiscafe. Treffpunkt der Kids. Der Jugo, der seit ein paar Jahren nur noch kroatische Küche führt, der Grieche, zu dem keiner mehr geht, seit es alle nach Mallorca und auf die Kanaren zieht. Die Dschungelbar. Drum herum die Innenstadt.“ (S. 247)

„Dschungelbar, Zentrum von Sandhofens Nachtleben.“ (S. 249)

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