Handlungsort/ Setting: 1 Mio. Stadt in Deutschland
Projizierter Ort/ Projected place: Provinzhauptstadt „T“ Trieste
Handlungszeit/ Time of action: 1990er Jahre
Route: Osten – Westen – Osten
Marker: Amerika
die Stadt im Balkan … Provinzhauptstadt „T“
„in der heimlichen Hauptstadt der Spieler, einer Stadt, die sich so in den Bergen versteckt hielt, daß kein Steuereintreiber sie kannte und selbst die Geographen (…) sie nicht auf ihren gierigen Karten verzeichneten; in den Bergen, die Balkan heißen.“ (S. 9)
„Die Männer bewegen sich die Hauptstraße hinab (…). Am Ende der Hauptstraße zieht die Prozession nach links durch einen Bogen zum Kern der Stadt, zum meridianischen Mittelpunkt, dem Café der Spieler. Auf mannshohen Mauern sitzen die Holzhäuser, ihren vollgestopften Bauch vorgestreckt in der schamlosen Art der Feisten. Sie haben die Straße zu einem charmanten, aber unbedeutenden Gäßchen degradiert. Und wenn sie sich der Völlerei hingeben, müde werden, sehr müde, neigen sie sich schläfrig, das Dach tief über die Stirn gezogen, schützend schlummernd, zum Gäßchen hin.“ (S. 10)
„Der Mittelpunkt der Stadt wird von einem wuchtigen, stämmigen Glatzkopf betrieben. Breitbeinig steht er vor seinem Café Wache – wartet, weiß, sie kommen, jetzt gleich, wie an jedem Tag –, auf dem kleinen Platz der Kastanienbäume und des Brunnens, zugänglich nur über das Gäßchen, das die Spieler hinabschreiten.“ (S. 10)
„ein Zuhause am Rande Europas, dort wo es endet, und doch noch nie begann.“ (S. 17)
„Die Moschee blieb unten in der Stadt“ (S. 27)
„Im Jahre 19…, einem der europäischen Todesjahre, kämpfte sich in der Provinzhauptstadt T. eine Mutter allein mit ihrem Kind durch“ (S. 30)
„Vor einigen Jahrzehnten, als das bombenbeschädigte Haus wieder aufgebaut wurde, strich man die Außenwände in Erinnerung an die Vorkriegszeit erneut gelb. (…) Ein vernachlässigtes Gebäude inmitten eines vernachlässigten Viertels, inmitten einer vernachlässigten Stadt, so seht im Zentrum gelegen, daß man vom Balkon des vierten Stockes aus auf das Innenministerium spucken könnte.“ (S. 187)
„Eingang und Treppenhaus scheinen unter Denkmalschutz zu stehen – jede Verformung wird von der Untätigkeit der Bewohner konserviert.“ (S. 187)
die BANKA in der Stadt
„dieses Ereignis (…) nahm seinen Ausgang vor einer Bank. Zumindest schrieb die Fassade oberhalb des Portals BANKA, und es führte auch eine breite Treppe in den Schatten hinauf, aber seit Erfindung des Würfels war keiner mehr in diese BANKA hineingegangen.“ (S. 9)
„Es gab keine Kunden, die mit Lust oder Bange die Bank betraten, keine eifrigen Gedanken, die sich um eine Reihe bunter Zettel scharten, nicht die routinierten Blicke von Angestellten und nicht die Portion Illusion, die aus dickhäutigen Behältern herausgenommen, flink abgezählt und nebensächlich über den Schalter geschoben werden.“ (S. 9)
„Und die Treppe hinab schritt der scheinbare Bankdirektor, der eigentlich Meister des Spiels in der heimlichen Hauptstadt der Spieler war.“ (S. 10)
das Haus in der Stadt am Towasch Hügel
„ein auffälliges Haus, viertelweit bekannt als das Gelbe Eckhaus, ein verziertes Gelb und fußbreite Balkons, und diese knarrende, schnarrende, klemmende, erschöpfte Tür zu dem Zimmer mit den glücklichen Eltern.“ (S. 19)
„Die Jüngeren mit denen sie (die Großmutter Slatka) eine Wohnung bevölkerte, waren tagsüber außer Haus. (…) Slatka blieben die Wände. Diese Wände! Auch sie waren bunt, rettungslos bunt, als wäre einem Maler die Aufgabe zugefallen, eine brav gemusterte Tapete – Mohnblumen auf Rhomben – zu verbessern. Die Mohntapete war der Hintergrund und der Maler war der Familienzufall. Hier hingegen Reproduktionen prächtiger Ikonenfresken in überschnörkelten Rahmen, dort Porträts von Vorfahren oder verblichene Fotos, und dazwischen prämierte Zeichnungen der Töchter des Hauses. Als noch das diffuse Licht eines schwarzweißen Fernsehers auf die Blumen fiel, da zwirbelte mancher Besucher mit den Augen-diese Wände!“ (S. 20)
„Das erstaunliche an dem gelben Eckhaus: Es steht genau dort, wo vor ungefähr zwei Jahrtausenden ein Römer ihre Kopfsteinwege nach Norden und Osten weiterklopften. (…) Hier ließ es sich leben, vorteilhaft das Klima, ergiebig die Brunnen, üppig die Bäder, welche später, überbaut von den Banjas osmanischer Tage, ein Palimpsest der Reinlichkeit bildeten. Auch ein Hinrichtungsplatz gewann bald an Tradition. Und der Towasch-Hügel (…) war von Anbeginn auserwählt, von den Geistern und Göttern.“ (S. 25)
„Eine Bombe drang durch das Dach des gelben Eckhauses, explodierte in Druckwellen, riß die Grammophonnadel aus dem Viervierteltakt, hob das Dienstmädchen hoch, schleuderte sie aus dem Fenster, Jesus wurde aus der Ikonostase gerissen, flog als Brett hinaus.“ (S. 28)
„Wenn es nach dir ginge, würden wir noch immer in diesem Loch hausen. Loch? Loch? Du hast in einem Loch gewohnt, bevor du das Glück hattest, mich kennenzulernen. Hast du das schon vergessen? Was für ein Rattenloch, im Vergleich dazu bist du hier in einen Palast gelandet. Vielleicht weißt du es nicht mehr. (…) Du hattest ein klappriges Bett, einen Schreibtisch aus Obstkisten.“ (S. 77)
Deutschland
„Deutschland ist auch nicht schlecht. Ich hab von einem gehört, der war ein Jahr in Deutschland und hatte schon ein Mercedes.“ (S. 128)
„Wenn ihr unbedingt in Europa bleiben wollt, dann haut von hier (Italien) ab und geht nach Frankreich oder Deutschland. Dört könnt ihr wieder Asyl beantragen. Nur dürft ihr auf keinen Fall erzählen, daß ihr aus Pelferino kommt. Ihr müßt so tun, als wärt ihr gerade über die Grenze gekommen.“ (S. 138)
„Der erste Blick auf ein fremdes Land: Grünbraune Flächen, geometrisch angelegt, dazwischen Straßen, auf denen kleine Juwelen in allen Farben wie am Strang gezogen vorwärts gleiten.“ (S. 178)
die Stadt in Deutschland
„Richtung Innenstadt: alle Formen des modernen Nahverkehrs. (…) ordentliche Felder, die hinter den Parkplätzen, Zufahrten und Hangars beginnen.“ (S. 181)
„Links neben dem Bahnhof salutierten zwei felckige Balken einer Bahnschranke, steife Vorposten. (…) Der Zug fährt pünktlich los, geht bald danach untertage. Zuerst die Nomografie der Stadt. Im Zweiminutentakt, rütteln, rattern abbremsen einfahren, Lichter, Bahnsteige.“ (S. 182)
„Station; Fernsehtur. Über den Rolltreppen hängen Plakate: TVturm ist Herr des Hauses.“ (S. 184)
„Die Stadt, in der Bai Dan gelandet ist, hat etwa eine Million Einwohner (…) 145673 Ausländer und 2745 Illegale.“ (S. 210)
„In diesem Land kann ein älterer Ausländer nicht einfach in das Sekretariat der Universität hineinspazieren und um die Adresse eines Hernn Luxow bitten.“ (S. 211)
„Die Adresse lauter Waldstraße 5 (…) Die Waldstraße liegt im Süden, die Universität im Norden, und eine Buslinie führt direkt von hier nach dort. (…) Die Haltestelle heißt Hohenzollnerplatz, aber einige Schritte entfernt beginnt die Waldstraße. Weit und breit kein Wald.“ (S. 213)
Wohnung in Deutschland
„gefällt nicht allen, eigentlich gefällt sie niemandem, am wenigsten Frauen, den wenigen, die da waren. Zugegeben, sie ist, und das stört andere vielleicht, voll mit Büchern und Flaschen, erstere geerbt und noch nie abgestaubt, letztere im Discount-Markt neben der Bushaltestelle gekauft, über die Jahre bis zum letzten Rest ausgetrunken. (…) auf dem Hängeschrank in der Küche überall Glas, der Fußboden vollgestellt, beim Kochen muß mich vorsichtig bewegen, aber ich koche schon lange nicht mehr.“ (S. 30)
„eine kleine Küche, der Raum daneben die Tür ist ausgehängt, das Wohnzimmer, langweilig und spärlich eingerichtet“ (S. 217)
Taschkent
„Grigori war vernarrt in das Schmuckstück des Wohnzimmers, in den gewaltigen Samowar aus Taschkent, den ihr Schwiegervater in Kiew erworben hatte, als er dor zu Studienzwecken weilte.“ (S. 33)
Mc Donalds in der Stadt in Deutschland
„Sylvia hat einen großen Vorteil, sie arbeitet bei McDonalds am Hauptbahnhof.“ (S. 34)
Krankenhaus in Deutschland
„Heute musste ich (Alex) ins Krankenhaus, um die Ergennisse der umfangreichen Untersuchung von letzter Woche entgegenzunehmen.“ (S. 44)
„Herr Hoffnang, mit dem ich ein Zimmer teilte und der nie Besuch erhält, leidet an erhöhter Temperatur.“ (S. 62)
Grenze – Fluchtversuch
„Der Paß mit Visum für einige Bundesländer war besorgt – und die Qual der Wahl zwischen Rosenmeer und Segelboot dauerte an. (…) alle wußten, daß die Familie Luxow dieses Jahr die ganzen Sommerferien am Schwarzen Meer verbringen würde.“ (S. 78)
„Als sie die Grenze erreichten, standen eine Mauer im Weg und ein gelangweilter Soldat Wache. Der Fluß, den sie hätten durchqueren sollen, war nicht da. Die Mutter, von Angst und Wind entkräftet, stand gelähmt zwischen den Bäumen.“ (S. 82)
Italien
„Es ist Italien, auch wenn seine Blicke sich nicht nach den den Angaben des Fluchthelfers orientieren können. Italien, wir haben Italien erreicht (…) Italien trägt Kleidung, an der geflickt wird. Unfertige Mauern bereichten Halbwahres über ihren Eigentümer, in den Sandhaufen stecken Schaufeln wie Spieße, Bretter liegen aufeinander, durcheinander. Weit sind die Felder in ordentlicher Pflanzung.“ (S. 89)
„Entlang der Schotterstraße reihen sich, wenn auch nicht regelmäßig wie bei einer Allee, Zypressen und andere Bäume, die zu den Anfängen eines Städtchens hinabführen.“ (S. 90)
„weißt du, wieso es in Italien den besten Wein auf der Welt gibt?“ (S. 142)
Triest
„Die Villen zeigen sich selbstbewußt, verbergen sich nicht hinter Mauern, die Gärten zeigen offen, was die BEsitzer haben. Müssen nichts verstecken. (…) Das Haus dort, mit Schwimmbecken.“ (S. 130)
„das war eine berühmte, mächtige Stadt früher, die hat viel Handel getrieben, im ganzen Mittelmeer, war eine wichtige Stadt.“ (S. 131)
„Diese Stadt ist ein goldenes Huhn, das Glückseier legt. Guck sie dir an, die haben Geld zum Vergnügen, Zeit zum Müßiggang, die haben keine Sorgen, dolce vita“ (S. 131)
„Gebäude wie Menschen tragen reichen Geschmack, wie schön sie herausgeputzt sind, die schönen Fassaden, die schönen Paläste, (…) die schönen Caffès, die schönen kleinen Brücken, über dem schönen Plätze.“ (S. 134)
„Süßigkeiten auf vier Ebenen, und es wäre nicht so schlimm, wenn es bei den Schokoladen bliebe, die sich, noch Sorten und Arten geordnet“ (S. 135)
Piazza della Libertá – Trieste
„In einer der Seitenstraßen muß das Geschäft von Stepanovic sein. (…) Dort ist Markt mit ganz vielen Buden und Tischen, ein bißchen wie Flohmarkt… ein Kleidermarkt, ein bißchen wie Suk, oder wie Basar, Stücke Packpapier und Fetzen alter Zeitungen auf dem Boden, von Fußabdrücken markiert, eingeklemmt unter rostigen Stangen, das sieht mir nicht sehr westlich aus, an vielen Ständen Jeans, Bluejeans, das blaue Gold.“ (S. 132)
„Italiener kaufen hier wohl überhaupt nicht ein. Die können sich Besseres leisten. Hier muss es billig sein. (…) Der Markt verläuft sich, in Verschlägen, Kisten, müsen Käufern, verschnürten Plastiktüten.“ (S. 133)
„Dieses Geschäft sieht eher wie ein Lagerraum aus.“ (S. 134)
Trieste – Flüchtlingslager in Pelferino
„Michele, auf dem Beifahrersitz (…) mit Vasko, Jana und Alex (…). Der Polizeiwagen fährt eine hügelscheisige Autostrade entlang oberhalb des Meeres und oberhalb einer Stadt, der ersten richtigen Stadt der Westens. (…)Das also ist Triest, Schattierungen von Weiß, ziegelroter Schutz. So schön. Als sei das langmütige Meer an dieser Bucht zu einem Edelstein geronnen. Zuversichtlich recken sich Krähne, gewaltige transozeanische Schiffe, mehrere Stockwerke hoch müssen die sein, andernd und wartend, wie sie es wohl auf so einem Schiff“ (S. 99)
„Janas Blick fliegt voran zu dem Hügel, zu den Villen am Hang. Den Tag auf der Veranda begrüßen (…) wenn sie auf das Meer blickt, gewinnt es dem Himmel eine andere Farbe ab, als das Meer, an dessen Ufer sie jetzt Urlaub machen würden.“ (S. 99)
„Der Polizeiwagen biegt von der Autostrada ab, fährt durch ein Städchen und eine kurze Strecke an einer Mauer entlang. Hält vor einem Gittertor. (…) Die Zufahrt wird flankiert von dreistöckigen, ebenbildlichen Gebäuden, braun stehen sie hinter einem ausgetretenen Rasen, in Formation gesetzt, mit enggittrigen Fenstern, die jeden Sonnenstrahl aussieben.“ (S. 100)
„Hungerstreick“ (S. 168)
das Zimmer: „In der rechten Ecke glüht ein kleiner Kohlenherd, und auf ihm ein großer, gußeiserner Topf. Die Wand trägt Striemen von Ruß und eine Tapete aus Speisespritzern, von Tomaten zumeist, teils sattrot, wenn Doesen unachtsam entleert werden (…) Links im Zimmer stehen zwei Stockbetten und in der Mitte ein Tisch, auf seiner Oberfläche Stunden von Langweile eingekerbt.“ (S. 108)
„Am Ende des Gangs befindet sich ein Waschraum, im zweiten Stock für die Frauen, im ersten für die Männer.“ (S. 118)
Amerika
„Iwo wartet auf das Affidativ seines Vaters. Der hat ein Haus direkt am Ufer des Leik Mishigan (…) unten gibt es Läden mit Sachen drin (…) riesige Parkplätze, in so einem Wolkenkratzer arbeiten tausende von Menschen, und wenn du oben arbeitest, im vierzigsten Stock, guckst du über die ganze Stadt, als würde sie dir gehören.“ (S. 126)
„Ach ja, Amerika. Was gibt es dort für Möglichekeiten.“ (S. 127)
die Grenze
„in der Gegend, das ist verrückt, das ist die einzige Stelle in dieser Gegend, wo es eine Mauer mit Wachposten gibt. (…) Ja, kilometerweit weiter rauf und runter ist nichts. Mal ein paar Wachtürme, mehr ist da nicht. (…) Bestens, unsere Weingüter befinden sich dort, nördlich von da, wo ihr rüber seid. Bei uns hättet ihr durch die Weinfelder nach Italien spazieren können. (…) Es ist ein Fluch mit dieser Grenze. Bei unseren Nachbarn verläuft sie mitter durch Gehöft. Der Kuhstall ist jetzt in Jugoslawien, das Wohnhaus in Italien.“ (S. 151)
„Triest hat ein besonderes Verhältnis zu Grenzen. Man könnte behaupten, daß Triest gar keine Grenzen kennt, man könnte behaupten, daß es voller Grenzen ist, der Grenzort schlechthin. Und beides würde stimmen.“ (S. 152)
„Wenn jemand über den Monfalcone fährt, dann sagen wir, er fährt nach Italien. Das sind andere Grenzen. (…) Ein anderer wird Ihnen erzählen, daß wir noch keine Grenze haben. Zu Jugoslawien. (…) Wir sitzen nun hier in Zone A, das ist Trieste, und plaudern, fünfundzwanzig Jahre später, und die Zone B, irgendwo da drüben, die gehört zu Jugoslawien.“ (S. 152)