Handlungsort/ Setting: Dalmatien, Deutschland
Projizierter Ort/ Projected place: Dalmatien
Handlungszeit/ Time of action: 1990er Jahre
Route: Osten – Westen – Osten
Marker: Amerika
Dorf in Dalmatien
„Draußen, vor dem Haus am Ende des Dorfes, liegt die Luft über den Menschen (…) Hinter der Schulter lebt der Süden. Der Garten, oberhalb der kleinen Grasebene, ist das richtige Draußen. Hinter diesem Draußen ist ödes Gebüsch, eine Hühnerfarm und die staubige, später asphaltierte Landstraße. Alles das, alles zusammen, ist in diesem stillegedeichselten Augenblick Jugoslawien, das Jelena in nur wenigen Tagen im Alter von zehn Jahren verlassen wird.“ (S. 9)
Bushäuschen „drei Wände, vorn offen, gemauert aus Blockstein mit ein paar Ritzen, durch die man die Serpentinen im Blick behalten konnte.“ (S. 10)
„die Bäuerinnen in den Ställen melkten die Kühe“ (S. 15)
„In der Höhe erschien das Haus, eine gelbgesäumte Helle über dem Grundstück, Kirschen lagen auf Steinmauern und auf dem Boden, prall und vor Saft zersprungen.“ (S. 31)
„Sie lebten nun an der Hauptstraße. Ob auf dem Weg zur Küste oder in den Norden Richtung der Berge: (…) Die Straße war asphaltiert, und wer an der asphaltierten Straße wohnte, der war ein „moderner Mensch. Der erste Gang ins Dorf mit dem Großvater war verbunden mit der Begrüßung aller Verwandten und dem Einkauf im Genossenschaftsladen.“ (S. 33)
„Der Geruch von Heu wehte von der Feldebene herauf zu den Häusern. An der Telefonzelle hatte einer der Bauern seine Sense abgestellt.“ (S. 35)
„Die Landstraße war ohne Licht ein ausgebreitetes Bet-Tuch geworden. Alle Büsche, Steine, Felsen und Bäume lagen unter der Bedeckung, waren verborgene Formen, die jetzt tausend neue Namen trugen.“ (S. 43)
„Hühner gab es in der Farm schon lange nicht mehr“ (S. 77)
„Es war der Sommer, in dem die Schlangen als schreckendes Grüngeschimmer in den Ställen, auf den Höfen und in den Vorhöfen, in Häuserfluren, Kleiderschränken und Hundehütten erschienen.“ (S. 86)
„Die Verlassenheit der Wege war besonders im Herbst und Frühwinter dem Dorf, in dem an manchen Tagen nicht einmal die Hunde bellten, zugehörig geworden. In dieser Zeit waren die Einheimischen unter sich, keiner verirrte sich vor Weihnachten mehr dorthin. Dann wurden auch zu den einzelnen Häusern Telefonleitungen gelegt, und Fernsehgeräte flimmerten jetzt nicht mehr nur aus der Wirtschaft und dem Gasthaus. Amerikanische und brasilianische Serien wurden geschaut, die dem, der sie verpaßt hatte, in aller Ausführlichkeit und Akribie nacherzählt wurden.“ (S. 89)
„karstige dalmatische Hinterland (…) auf dem es manchmal Meeresaugen genannte Stellen zu sehen gab, mitten in einem baumlosen Nichts, kleine und große Wasserpfützen, in denen nur Himmel und Wolken sich spiegelten, über die sich Kuhköpfe beugten, die, unbekümmert und durstig, Himmel und Wolken austranken.“ (S. 93)
„Wie die Glöcknersfamilie, lebte auch Tante Lotka mit den beiden Kindern in einem Haus, das aus zwei übereinander gebauten Räumen bestand. Ursprünglich war der untere Raum ein einfaches Steinhaus gewesen, an das Hof, Brunnen und blad auch die Aufstockung angegliedert wurden.“ (S. 112)
„Der Großvater verkaufte auf dem Viehmarkt in Šestanovac die letzten beiden Kühe“ (S. 114)
„In Split holten die Brüder sie ab. Die herzegowinische Familie schwieg, die in den Bergen wohnende andere Schwester, auch der in Deutschland lebende Bruder Nevenas sagten nichts.“ (S. 120)
„Ivana irrte lange auf den Feldern umher, ging in das kleine Städtchen Imotski, wo sie als Kellnerin in einem Lokal Arbeit fand.“ (S. 120)
„Die Brüder Marijan und Gojko hatten eine genaue Zeichnung der Wegbeschreibung nach den Erzählungen der Schwester erstellt, waren aber verzweifelt auf den Nevesinjski-Feldern herumgeirrt, einer Ebene hinter der Mostar. Der zweite Versuch, die Wirtschaft zu finden, in der Ivana von einer alten Frau aufgenommen worden war, führte die beiden jungen Männer nah an das hinterdalmatinische Haus der Felders. In Bukova Gora, am Baško-See, ging ihnen der Kühler kaputt, und ein halber Tagesmarsch über die Orstschaften Prisoje, Podhum und Smrićani brachte sie endlich in die Kleinstadt Livno; hier fanden sie einen hilfsbereiten Mechaniker, der seinen Nachmittagsschlaf unterbrach und in Bukova Gora das Auto reparierte. (…) die Schwester fieberte. Die linke Niere wurde ihr im Krankenhaus von Mostar herausgenommen. (…) Im Sommer darauf fuhren die Geschwister zur Küste, und in Šibenik lernte Ivana einen deutschen Hobbyflieder kennen, mit dem sie fortging und dessen Frau sie drei Jahre später wurde. Sie sprach bald Deutsch und trug feine Kleider (…) Die Medikamente halfen nicht. Ivana starb in der Nacht (…) Der Sarg wurde aus der Fremde wie eine Ware geliefert. (S. 121)
das Haus im Dorf – „Hauptstraße 63“
„im Haus roch es nach Tabak (…) Die Tischdecke, voller Fettflecken (…) Im Vorratsschrank unterhalb des Spülbeckens krochen rote und schwarze Ameisenkolonien“ (S. 37)
„Der Stall wurde lange nicht mehr genutzt, die Tiere waren noch vor Jelenas Reise nach Deutschland verkauft worden.“ (S. 71)
„Eine Waschmaschine hatte sie nicht, und die weiße Wäsche kochte sie in einem richtigen Topf auf dem Herd aus. (…) Später wurden alle Geräte in der Stadt gekauft, und langsam sah man in allen Dörfern meterlange Wäscheleinen die Gärten durchziehen. Es konnte jetzt mehr auf einmal gewaschen werden als zuvor mit der Hand.“ (S. 73)
Friedhof im Dorf
„Der Friedhof lag als einziger schwer auf der Erde, gebunden vom Gewicht der Toten, dem letzten Regen und den Wurzeln der Pinie.“ (S. 10)
Genossenschaftsladen im Dorf
„Der Genossenschaftsladen oberhalb der Kirch war erleuchtet. Die Milchabgabe hatte schon begonnen, der große silberne Blechkübel stand vor der eisenbegitterten Tür.“ (S. 10)
die Kirche im Dorf
„Die Glöcknersfamilie lebte in dem unteren Raum des Hauses, vor dem sich ein stämmiger Apfelsinenfbaum befand, der nachts von kleinen und großen Obstdieben (…) aufgesucht wurde. (…) Im oberen Zimmer, erreichbar lediglich über eine Außentreppe, lebte Mila, die Schwester des Glöckners Jerko.“ (S. 72)
Split
„Hanna und Jelena hielten es für am Ende unwarhscheinlich, jemals weiter mit dem Omnibus als bis zur Küste zu gelangen. In Split gab es sogar Züge.“ (S. 10)
„Auch der Hafen von Split wurde mehr und mehr von der Sonne erfasst“ (S. 18)
Lovréc
„Nikola hatte Jelena häufig nach Lovréc zum einzigen Zahnarzt der Gegend gebracht. (…) Wie auf deb Zahnarztgängen, die immer mit einer Wanderung über die weitläufige Macchia-Ebene verbunden waren, gingen auch jetzt, auf der Busfahrt, die immergrünen Buschwälder in langgestreckte Föhrengebiete über. (…) In Wechsel sprangen wieder die Macchia-Felder hervor.“ (S. 12)
„Als der Bus in der Stadt ankam, sprangen die Bilder in die kalte Luft und setzten sich erst wieder auf der Zugfahrt fort. (…) An der Kaimauer hörte Jelena, wie der Vater der Mutter die genaue Reisezeit mitteilte.“ (S. 12)
Deutschland
„Die erste Eigenartigkeit in Deutschland war das samstägliche Straßenkehren. Die Schule, ein schreckender Block. Die dortigen Kinder: Mit tückischen Augen und hinter Haaren versteckten Ohren. Der Schulhof erstreckte sich als asphaltierte Gefahrenzone vor dem Kind, und ein großer Fußballplatz hatte in der Mitte ein riesiges Wasserloch, bei genauem Hinsehen, ganz ähnlich ausschauend wie die Kuhtränke hinter dem Dorf.“ (S. 21)
Die Grenze Jesenice
„Das Herz klopfte stark, schon bei den Schildern, aber kaum war eine Uniform in der Nähe, fing es zu rasen an. In Jesenice hielt der Bus, alle Insassen gingen hinaus, jeder darauf bedacht den Paß griffbereit zu halten. Hunde mit gefährlichen Köpfen stürmten ins Innere des vertraut gewordenen Gefährts, und auf großen Brettern, die jenen auf Märkten glichen. (…) Der forsche Blick des Zollbeamten durchsuchte jedes kleine Eckchen des Koffers, und besonders die Bebrillten waren streng.“ (S. 27)
„Ganz gleich, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man die Grenze passiert hatte, die Männer tranken einen Schnaps, und der Busfahrer, immer ein Verbündeter seiner Gäste und meist aus gleicher Gegend stammend, spielte vorne Musik. Es wurde gesungen und gelacht, das waren die ersten Minuten in Jugoslawien.“ (S. 29)
„In Deutschland hatten die Felders längst ein Telefon beantragt, und Anrufe ins Dorf waren bald zur sonntäglichen Gewohnheiten geworden.“ (S. 90)
Cista Provo
„Der Rückweg führte über die Ortschaft Cista Provo, die Endstation des Busses.“ (S. 59)
Banja Luka
„In Banja Luka wartete einer der makedonischen Söhne, der in Sarajevo studierte, und fuhr mit der Mutter weiter durchs eigenbrötlerische Bosnien Richtung Serbien, wo man in der Hauptstadt vor der Weiterreise nach Makedonien andere Verwandte treffen wollte.“ (S. 97)
„Mit dem Essen der Slowenen kannte sie sich aus und lobte die massiven Suppen, die mehr Eintopfgerichten glichen und aus Fleisch, Gemüse und Gewürzen bestanden.“ (S. 98)
Maribor
„Bei Maribor stiegen die ersten aus. Dann folgten jene, die im kroatischen Norden wohnten; diese waren meist feiner gekleidet.“ (S. 29)
Amerika
„Im Land des Films war der Nachbar verschwunden.“ (S. 51)
Deutschland
„In Deutschland begann dann immer das Warten. Warten darauf, daß der erste Abend ohne den Großvater vorbeiginge und die Schule am nächsten Morgen recht bald begänne. Warten auf die neue Jahreszeit, auf die Güte der Mutter, auf die neuen Turnschuhe, auf endlich wieder frisches Brot, auf einen neuen Tag, auf die ersten Worte des Lehrers, Warten auf einen Regen, auf das ihm folgende Aufklaren des Himmels, Warten auf die Rückkehr der Schwester.“ (S. 79)
„Die Deutschen lieben uns nicht, sagte sie. Wenn alle Arbeit gemacht ist, schicken sie uns wieder zurück.“ (S. 81)