Handlungsort/ Setting: New York, Sulina, Crișan, Tulcea

Projizierter Ort/ Projected place: keiner

Route: Osten – Westen

Handlungszeit/ Time of action: 1930-2000

Marker: keine

New York

Anblick eines Dampfers, der Tote vorbeifährt und sie zur Hart-Insel bringt – die „Toten des East Side“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 9)

„So ungestüm er sein konnte, lag in der Morgendämmerung wie ein breiter, bleierner Streifen. Er war geduldig, er wollte dem Menschen nicht ins Handwerk pfuschen. Er würde die Toten des Ghettos an diesem Tag nicht mehr kriegen, dafür aber andere. Das war so gut wie sicher. An den Ufern Manhattans stand immer irgendwer bereit, der sich ihm anvertrauen wollte: Verzweifelte, Müde, Verrückte. Oder jemand, der ihm andere anvertraute, die Opfer eines Überfalls oder einer Kontenregelung. Der Fluss war nicht wählerisch. Tage später gab er die Körper wieder frei und spülte sie ans Land, von den Piers des geschäftigen Hafens im Süden bis zur sandigen Küste und den morschen Stegen der Bronx.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 8)

„Die Männer waren an die Arbeit gewohnt. Zweimal die Woche brachte das Schiff die frischen Toten des Ghettos zur Hart-Insel. Ihre Hände waren an ihre Aufgabe gewohnt, die sie schnell und effektiv verrichteten.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016,  S. 8)

„Vom Dach der Mietskaserne an der Orchard Street aus konnte Großvater sein ganzes Territorium überblicken und weit darüber hinaus. Man konnte sich an so viel Weite berauschen. Man hatte nur ein paar Stockwerke hochzusteigen, einige schmale, rutschige Treppen und dunkle Gänge, musste über einige schlafende Säufer hinwegsteigen, faulige, abgestandene Luft atmen, aber wenn man oben war, öffnete sich vor einem der Himmel.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016,  S. 67)

„Richtung Osten wurde das Raster gedrungener Häuser immer dichter, und in den Innenhöfen der einzelnen Blocks standen schäbige Gebäude, zu denen das Licht kaum durchdrang. Sie waren in Eile gebaut worden, um die Flut der Emigranten unterzubringen. Hier und dort erhob sich ein einzelnes sechs- oder siebenstöckiges Backsteinhaus, das wie ein Riese unter Zwergen wirkte. Zum East River hin wurden die Häuser von Möbelfabriken abgelöst, hinter denen die Schiffswerften lagen, von denen Großvater nur die Mastspitzen sehen konnte. Nach Norden wurde das Häusermeer breiter und weiter, die Gebäude waren höher und neuer. Man konnte sogar Tompkins Square sehen, den einzigen offenen Platz im Osten der Stadt. Dort standen Schlachthöfe, Brauereien und Holzlager am Flussufer. Richtung Süden, an der Südspitze Manhattans, sah man die Kuppel des Rathauses und einige Kirchtürme. Rundherum entstand auf den Ruinen des verrufenen Five Points ein neues Verwaltungsviertel, gesäubert von der Sünde und dem Dreck der früheren Jahrzehnte. ach Westen hin folgten die Salons, Restaurants, Theater und Bierhallen der Bowery. Einige davon waren so groß, dass sie einige Tausend Menschen aufnehmen konnten. Weiter hinten konnte Großvater den Broadway erahnen, die breiteste Straße der Stadt, und die ewige Rivalin der Bowery, an der sich aber die besseren Geschäfte und die besseren Theater befanden.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016,  S. 68)

„(Brooklyn Bridge) hätte jedem ins Gesicht gelacht, der behauptet hätte, der East River wäre gar kein Fluss, vielmehr eine langgezogene Meerenge. Die Ghettobewohner dachten nicht anders an ihn als an einen Strom, dem sie ihre Abfälle, ihre Ausscheidungen anvertrauten, ihre Toten. Der sie wusch und an dessen Ufern sie manchmal saßen, um für einige Augenblicke der Enge der Stadt zu entkommen.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 9)

„Der Schneefall hatte am frühen Silvesterabend eingesetzt und das Ghetto verwandelt. Der Dreck, die Abfallmulden, die Sickergruben, der Müll, der Schlamm, die Reste der Straßenmärkte, das alles lag unter einer weißen Schicht, die immer höher wurde.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 12)

„Immer wieder zogen heitere, angeregt schwatzende Leute an ihnen vorbei. Sie beeilten sich, in die Saloons und Varietétheater um den Chatham Square zu kommen. Obwohl es bis dorthin ein weiter Weg war, dachte keiner daran, die Kutsche zu nehmen. Sie gehörte ganz und gar Großvater. Einmal nur öffnete jemand die Tür und blies sein Horn. Ansonsten kümmerte sich keiner um einen alten Kutscher und einen Jungen, die ruhig dasaßen, vom scharfen Geruch der Pfeife und dem süßlichen ihrer feuchten Kleider eingehüllt.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 21)

„war eine ganz besondere Welt. Sie war von morgens bis abends durch ambulante Verkäufer verstopft. Alte Frauen verkauften auf ausgebreiteten Tüchern große, runde, schwere sizilianische Brote. Auf Schubkarren wurden Hosenträger und billige Kleider, Lederwaren und Töpfe angeboten. Das welke Gemüse wurde mit Wasser besprenkelt und poliert, damit es frischer aussah. Kinder und Frauen liefen hinter den Kohlenwagen her, um ein paar Stück Kohle zu ergattern. Kam ein Italiener in New York an, so suchte er an der Mulberry Street nach Arbeit. Was früher die Iren gewesen waren, waren jetzt die Dagos: willige, billige, leicht zu ersetzende Arbeitskraft. Der Padrone schickte sie entweder in die Kohlenminen von Pennsylvania oder in den Süden zum Bau der Ostküstenbahn. wurden auch in der Stadt benötigt, wo sie die Tunnel, die U-Bahn und die Brücken bauten. Sie durchkämmten die Abfallmulden der Stadt, sammelten Reste ein und sortierten sie aus. Sie wachten sehr über ihr Privileg, im Müll zu wühlen.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 26)

„Auf der einen Seite, am Hudson River, kamen die Lebenden an; auf der anderen, am East River, verließen die Toten die Stadt. Die Toten und die Lebenden bekamen einander niemals zu Gesicht. Sie wussten nichts voneinander, sie trafen sich nie, aber sie nährten den ewigen Kreislauf des Lebens. New York nahm die Menschen im Westen auf und schied sie im Osten aus. Dazwischen schenkte es wenigen ein gutes, sattes, bequemes Leben und quetschte die anderen aus wie eine Zitrone.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 67)

„Es war töricht, im Central Park das Gegenstück zu jenem wilden, geheimnisvollen Wald am Donauufer aus Pappeln und Weiden zu sehen. Als Kind – auf dem Weg von der Schule ins Heim – zögerte ich immer meine Ankunft hinaus. Ich blickte hinüber und stellte mir vor, dass meine Eltern dort lebten. Auf einer Landzunge, die nicht mehr zur Stadt, aber auch noch nicht zum Delta gehörte. Eine Art Reservat für verlorene Eltern. Sie waren unsichtbar, doch nie weit weg. Wie viele andere Kinder im Heim hatte auch ich nicht die leiseste Ahnung, wer mich gezeugt hatte. Es war ebenfalls absurd, die perfekte Linie, welche die Plattenbauten an der Strada Isaccei bildeten, mit jener der Häuser entlang des Central Parks zu vergleichen, die bestimmt alle Architekturwunder waren; lichtdurchflutet, elegant bis in die hinterste Rohrabdeckung. Sie gaben ihren Bewohnern das Gefühl, ein Leben voller Grazie und Bedeutung zu führen, während man sich in einer Mietskaserne in Tulcea höchstens ins Abseits gedrängt fühlte. Abseits von allem, was man in einem kurzen Leben gesehen und erlebt haben sollte. Es war vielleicht lächerlich, aber wer konnte schon wissen, ob nicht hinter der breiten, luxuriösen Fensterfront ein Kind herüberschaute und sich vorstellte, dass irgendwo im Park versteckt seine Eltern lebten“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 156)

„Allerdings ist es nicht mehr so schlimm wie früher, in den Siebzigern und Achtzigern. Für uns war das die beste Zeit. Tag und Nacht haben hier Francis Featherstone und seine Bande gesessen. Die Gangster gaben prima Trinkgeld, und wenn sie unter sich eine Rechnung zu begleichen hatten, gingen sie auf den Parkplatz, um uns keinen Ärger zu machen. Polizisten, Mörder, Politiker, Huren, sie waren alle hier, und ich habe sie alle bedient.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 165)

New York – Flughafen

„Alle Passagiere erblickten immer als Erstes Coney Island und das große Wonder-Wheel-Rad. Zu Zeiten von deinem Großvater, sagtest du, sei es mit Glühbirnen ausgekleidet gewesen und habe weit ins Meer hinausgeleuchtet. Es trug die Botschaft eines besseren Lebens dort hinaus, noch bevor man das Land sehen konnte. Außerdem gab es die Cyclone-Achterbahn, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren die größte Attraktion am Platz war. Als Mutter und ich darüber hinwegflogen, wurde sie kaum noch benutzt, ein Relikt aus einer vergessenen Zeit.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 149)

Coney Island

„wurde immer größer und größer, die Sanddünnen tauchten auf und auch das Riesenrad vom Steeplechase Vergnügungspark, dessen Bild er in der Zeitung gesehen hatte. Auf dem er bald einmal zu sitzen hoffte. Er sah die Luxushotels im Osten und das verkommene West Brighton, das voller Spelunken, Rennbahnen, Tanzlokale und Spielhöllen war, von denen er ebenfalls viel gehört hatte.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 16)

Coney Island war ein Ort voller Widersprüche. Im Osten, im Manhattan Beach Hotel, konnte man für vier oder fünf Dollar von Porzellangeschirr aus China und mit Silberbesteck essen. Man ruhte auf langen, schattigen Holzveranden und spazierte am frühen Abend an prächtigen Blumenbeeten entlang, bevor man im großen Ballsaal tanzte. (…) In der abendlichen Kühle flanierten nach feinen Parfüms duftende Frauen, die elegante Kostümjacken und prächtige Hüte trugen, am Arm von Stahlbaronen, Eisenbahnmagnaten und Börsenspekulanten über die Promenade. Ihre taillierten Blusen und eng anliegenden Röcke, die Schleifen, Mäntel und Handschuhe waren aus Stoffen gefertigt, von denen Großvater nie etwas gehört hatte. Er konnte so viele töten, wie er wollte, er würde sich so etwas nie leisten können. (…) Coney Island war auch der Ort für Pferderennen. Am Wochenende besetzten Buchhalter, Spieler und Jockeys alle besseren Hotels im Osten.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 142)

„Diese Welten vermischten sich nur, wenn die reichen Männer im Osten der Insel – gelangweilt vom Luxus, ihren Frauen und den endlosen Bällen – in den Westen gingen. An der Grenze zwischen diesen Welten stand auch der Steeplechase-Unterhaltungspark, und dorthin wollte Großvater, seitdem er die Nachricht von der Mondfahrt gehört hatte.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 143)

Donau Delta – Crișan

ein Dorf „auf einer sumpfigen Landzunge auf dem Flussarm Sfântu Gheorghe“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 37)

„ Als im Winter die Kanäle und Seen zugefroren waren und die meisten Vögel das Delta verlassen hatten, hatte er sein Boot bis zur nächsten eisfreien Wasserstelle gezogen. Auf dem Rückweg trug er die Baba sogar auf dem Rücken. Sie waren vorsichtig über die weite, glatte Fläche des Isac-Sees gelaufen, und der Wind aus dem Nordosten hatte sie ausgepeitscht. Sie zogen durch eine unendliche, erstarrte Landschaft, während der graue Himmel ihnen dabei zuschaute.
Im Frühling war das Delta wieder vollgelaufen. Die Donaumündung war für die Fischer der Mund des Flusses. So nannten sie sie: «Gurile Dunării». Ihrem Verständnis nach lebten sie an ihrem Mund, nicht an ihrer Mündung. Nicht an ihrem Hintern.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 41)

„Einer Gegend, wo man nur einen Fingerbreit von Gott, aber auch vom Teufel entfernt war. In der er die Stille kennengelernt hätte, die er sich in der Metropolis so wenig vorstellen konnte. Oder eine andere Art von Lärm als denjenigen der umtriebigen Stadt. Das begann mit dem sanften, trockenen Raspeln der Schilfrohre aneinander, dem Klappern der Störche und dem Rascheln der Weiden, Pappeln und Eschen. Es setzte sich im Rauschen der Wellen auf den großen Seen fort und gipfelte im Schreien und Rufen von Abertausenden Vögeln. Das Delta hatte einen Atem.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 43)

Donau Delta – Sulina

„Wer in die Stadt wollte oder aus ihr heraus, kam entweder vom Meer her und bezahlte viel Geld für eine Fahrkarte. Oder zweimal die Woche mit dem Postschiff aus Tulcea. Im Winter war Sulina wochenlang nicht zu erreichen. Es hatte auch die gehobenen Lokale für die Schiffskapitäne, die ersten Offiziere, die Konsuln und Handelsvertreter, den Bürgermeister, die Ärzte, den Richter, den Zolldirektor, den Schuldirektor und den Hafenvorsteher gegeben, mit spanischem Wein und Orangen aus Kleinasien, englischem Tee und ägyptischen Zigaretten. Ebenso hatte es Weinlokale für Griechen, Engländer und Deutsche gegeben.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S.59)

“Man fand noch Handelsniederlassungen und Konsulate, Villen mit lauschigen Terrassen und den Palast der internationalen Donauverwaltung mit Tennisplätzen, Wohnhäusern für die Beamten, geometrisch angelegten Gärten und gestutzten Büschen. Jenseits des grünen Zauns, der mitten in der Stadt die Grenze Rumäniens markierte, war alles perfekt, sauber und geordnet gewesen. Trotzdem wirkte alles wie in einer früheren Zeit stehen geblieben. Es gab noch Spelunken für Gepäckträger, Kranführer, Matrosen und Schiffsjungen. Für Abenteurer, Hochstapler und andere zwielichtige Gestalten. Auch das Kaffeehaus für die Lotsen, die jederzeit bereitstehen mussten, um die Schiffe in den Hafen zu begleiten, stand noch am selben Ort. Alles andere aber war verschwunden, die Stadt und der Hafen hatten an Bedeutung eingebüßt, die Ausländer hatten sie nach und nach verlassen. (…) Sulina bestand nur aus drei oder vier Hauptstraßen, wobei die Äußere als Bollwerk gegen die Sümpfe und Stechmücken galt. Deshalb hatte man dort Sanddünen errichtet. Bis auf die erste Reihe am Flussufer waren die meisten anderen Häuser einfach und anspruchslos, viele waren nur aus blankem Ziegelstein und Schilfdächern gebaut, manche sogar nur aus Lehm und Stroh. Mutter, die Sulina sehen wollte, ließ so lange nicht locker, bis Vanea sich einverstanden erklärte, sie dorthin zu bringen.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 60)

„Aus Sulina gab es kein Entrinnen. Hinter dem Haus, in dem sie wohnte, begannen schon die Sanddünen, und von allen anderen Seiten hielten der Fluss und das Meer die Menschen gefangen. In dieser Sache arbeiteten sie gut zusammen. Sie hatten sich ihren Einflussbereich aufgeteilt und formten, jeder auf seine Art, das Delta“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 94)

„Nach Vaneas Verschwinden hielt Mutter nichts mehr in Sulina. Es war ein verfluchter Ort für junge Menschen wie sie, an dem es nur Myriaden von Stechmücken, die Hitze im Sommer und die eisigen Winde im Winter gab. Die Stadt war ausgestorben, weil es zu heiß war oder zu kalt. Die Uhrzeiger klebten am Zifferblatt. Man wurde älter, ohne dass die Zeit verstrich.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 97)

Friedhof in Sulina

„Sie wählte den Friedhof, der sich außerhalb von Sulina, auf halbem Weg zum Strand, befand. Auch der Friedhof hatte glanzvollere Zeiten gesehen, als dort Italiener, Griechen, Engländer, Deutsche oder Russen begraben wurden. Ladenbesitzer, Händler aus der Blütezeit der Stadt, Besucher, die plötzlich erkrankt und gestorben waren, Konsuln und Handelsvertreter. Matrosen von den Schiffen, die vor der Küste gesunken waren. Kapitäne, erste und zweite Offiziere. Feine Damen und ihre Hausmädchen, edle Männer und Taugenichtse.“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 109)

Tulcea

„Nicht lange, und sie blieb allein auf dem Kiesplatz inmitten einer Barackensiedlung zurück, die auf dem Grund eines engen, bewaldeten Tals gebaut worden war. Links und rechts stiegen steil die Hügelflanken hoch, und am Ende des Platzes, der gleichzeitig auch das Talende war, stand eine noch unfertige Kirche. Auf der anderen Seite, dort, wo sie gerade hergekommen war, war ein Stacheldrahtzaun hochgezogen worden. Im Dämmerlicht sah sie den Wächter, der sich gerade eine Zigarette anzündete“ (Der Mann, der das Glück bringt 2016, S. 113)

Translate »