Handlungsort/ Setting: Temeswar, Grenze im Süden Rumäniens
Projizierter Ort/ Projected place: keiner
Route: keine
Handlungszeit/ Time of action: 1980
Marker: keine
Temeswar
„Die Vorstadt war mit Drähten und Rohren an die Stadt gehängt und mit einer Brücke ohne Fluß. Die Vorstadt war an beiden Enden offen, auch die Wände, die Wege und Bäume. In das eine Ende der Vorstadt rauschten die Straßenbahnen der Stadt, und die Fabriken bliesen Rauch über die Brücke ohne Fluß. Das Rauschen der Straßenbahn unten und der Rauch oben waren manchmal dasselbe. Am anderen Ende der Vorstadt fraß das Feld und lief mit Rübenblättern weit hinaus, dahinter blinkten weiße Wände. Sie waren so groß wie eine Hand, dort lag ein Dorf. Zwischen dem Dorf und der Brücke ohne Fluß hingen Schafe. Sie fraßen keine Rübenblätter, am Feldweg wuchs Gras und sie fraßen den Weg, bevor der Sommer vorbei war. Dann standen sie vor der Stadt und leckten an den Wänden der Fabrik.“ (S. 12)
„In der Stadt ist oft kein Strom, die Taschenlampen gehören wie Finger zu den Händen“ (S. 25)
„Im Land läuft der Sehnerv. Städte und Dörfer, mal zusammengetrieben, mal auseinandergerissen, Wege verirren sich auf den Feldern, hören an Gräben ohne Brükken auf, oder vor Bäumen.“ (S. 28)
„Pappellicht und Pappelschatten, bis die ganze Stadt gestreift ist. Steinplatten, Wände, Grasbüschel, Wasser und Bänke.” (S. 29)
„Hinter der Stadt ist keine Richtung. Weizenstoppeln ohne Ende, bis die Augen diese blasse Färbe nicht mehr sehen. Nur das Gestrüpp und der Staub auf den Blättern.“ (S. 62);
„Wie alles in den Straßen nur für sich und nicht vorhanden ist, die Stadt nur für sich, die Menschen in der Stadt nur für sich. Es ist nur diese aufgeschlitzte Kälte, die für alle da ist, nicht die Stadt.“ (S. 229)
„Dahinter am Stadtrand steht das Gefängnis der Stadt, die Wachtürme fahren an der Scheibe vorbei, und in jedem steht ein gleicher eingefrorener Soldat, ein anderer Ilije, denkt Adina, einer, dem die Nacht, der Frost, die Waffe und die Macht vertraut, auch wenn er ganz allein ist.“ (S. 182)
„In den Gärten der stillen Straßen sind keine Gartenzwerge mit Mützen. In den Gärten stehn traurige Steine, barfuß bis in den Kopf hinein.“ (S. 32) „Die Dienstboten wohnen unter den Häusern im Keller. Was sie im Schlaf nachts streifen, ist näher bei As¬ seln und Mäusen, als bei den Fußböden oben. Die Män¬ ner der Dienstboten sind unter die Erde gegangen, die Kinder der Dienstboten sind aus dem Haus gewachsen. Die Dienstboten sind Witwen.” (S. 32)
„dreckigen Straßen der Dienstboten” (S. 47)
„Wo der Staub am höchsten fliegt, ist die Straße schmal, die Wohnblocks sind krumm und dicht. Neben den We¬ gen wird das Gras dicht, und wenn es blüht, frech und grell, immer zerfetzt vom Wind.“ (S. 55)
„Am Ende der Straße hegt die Schule, am Anfang der Straße steht eine zerbrochene Telefonzelle. Die Balkons sind aus rostigem Wellblech und halten nichts aus, als 55 müde Geranien und flatternde Wäsche am Strick.“ (S. 56)
„Kein Auto, kein Mensch. Der Asphalt ist kalt und die Schuhsohlen dünn…. Neben Pauls Wange steht das Stadion. Still und hoch. Ein Gebirge, als könnte dort am Tag nie ein Ball fliegen“ (S. 130-131)
„In der zerbrochenen Telefonzelle liegt eine Brotrinde. Am Straßenende liegt die große Drahtrolle. Vor der Holzbaracke liegt eine leere Kette im Hof. Der Hund Olga ist nicht mehr da.” (S. 280)
Temeswar – Wohnblock
„Ihr Kopf weiß nichts vom grünen Messer der Pappeln, vom Band des Daches, der Wolken, der Stadt. Und daß dieses Dach in der Sonne voller Ameisen ist, die tote Fliegen tragen. Und daß dieses Dach in der Sonne nichts als eine Kante im Himmel ist.“ (S. 20)
„Im Treppenhaus ist kein Fenster, im Treppenhaus ist kein Tageslicht. Im Treppenhaus ist kein Strom. Der Fahrstuhl hängt zwischen den Stockwerken oben. Das Feuerzeug flackert und leuchtet nicht.” (S. 169)
Temeswar – Fabrik
„Die Fabrik lag vor und hinter der Brücke ohne Wasser, sie war groß. Hinter den Wänden schrieen Kühe 12 und Schweine. Abends wurden Hörner und Klauen ver¬ brannt, es stieg stechende Luft in die Vorstadt. Die Fabrik war ein Schlachthaus. Morgens, wenn es noch dunkel war, krähten Hähne. Sie gingen durch die grauen Innenhöfe, wie die ausgezehrten Männer auf der Straße gingen. Von der letzten Haltestelle gingen die Männer zu Fuß über die Brücke. Auf der Brücke hing der Himmel tief, und wenn er rot war, trugen die Männer einen roten Kamm im Haar. Die Endhaltestelle lag siebzig Schritte weiter in der Vorstadt als die Brücke ohne Fluß. Adina hatte die Schritte gezählt, weil die letzte Haltestelle auf der einen Straßenseite auf der anderen die erste war. Die Männer stiegen an der letzten Haltestelle langsam aus, und die Frauen stiegen an der ersten schnell ein. Und vor dem Einsteigen liefen die Frauen. Sie hatten früh morgens *3 zerdrücktes Haar und fliegende Taschen, sie hielten Schweißflecken unterm Arm. Die waren oft getrocknet und hatten weiße Ränder. An den Fingern der Frauen fraß Maschinenöi und Rost den Nagellack. Schon beim Laufen zur Straßenbahn stand zwischen Kinn und den Augen die Müdigkeit der Fabrik.” (S. 13-14)
„Erst wenn es ganz dunkel ist, wird der Strom abgestellt. Die Schuhfabrik summt nicht, im Pförtnerhaus brennt eine Kerze, neben ihr sitzt ein Ärmel.“ (S. 25)
Temeswar – Wohnung der Schneiderin
„Die Schneiderin wohnte in zwei kleinen Zimmern, der Fußboden war eckig, und die Wände waren feucht, sie hatten überall einen Bauch. Die Fenster sahen in den Innenhof. In einem Fenster lehnte ein Blechschild, darauf stand GENOSSENSCHAFT DER FORTSCHRITT. Die Schneiderin nannte die Zimmer WERKSTATT. Auf dem Tisch, auf dem Bett, auf den Stühlen und Truhen lagen Stoffe. Auf den Fußböden und Türschwellen lagen Stoffreste. An jeden Stoff war ein Zettel geheftet mit einem Namen. Hinter dem Bett in einer Holzkiste stand ein Sack mit Stoffresten.“ (S. 14)
Temeswar – Frisör
„Auf dem Weg zum Frisör ging sie an dem Schaufenster mit den Kreuzen, Ofenrohren und Gießkannen vorbei. Der Spengler winkte hinter der Scheibe, sie ging hinein.“ (S. 17)
„In der Ecke schlief ein Mann. Auf seinen Schenkeln lag die Katze des Frisörs. Der Mann war ausgemergelt und hatte jeden Morgen, wenn er ins Schlachthaus ging, auf der Brücke einen Hahnenkamm.“ (S. 18)
Temeswar – Café
„Sie dreht das Auge weg, so schnell, daß die Angst sich eine blaue Ader in die Schläfe spannt“ (S. 30);
„Hinter dem flachen Dach des Cafes liegt der Park, dahinter stehen spitze Dächer. Hier sind die Straßen der 3° Direktoren, Inspektoren, der Bürgermeister, Geheimdienstler und Offiziere. Die stillen Straßen der Macht, wo der Wind, wenn er anstößt, Angst hat.“ (S. 31)
„Die stillen Straßen der Macht stehen im Hauch, der im Park die Äste gabelt und zum Horchen belaubt, der neben dem Fluß den Weg zum Klappern hinhält, der an beiden Ufern, noch im gemähten Gras, die Schritte senkrecht macht, das Knie an die Kehle hebt. Die Herren der stillen Straßen sind in den Häusern und Gärten nie zu sehen. Hinter Tannen, über Stein¬ treppen gehen Dienstboten.“ (S. 31)
„Das Cafe ist dunkel, die Gardinen an den Fenster¬ wänden dunkelrot, die Tischdecken sind dunkelrot und schlucken das wenige Licht“ (S. 215)
Temeswar – Krankenhaus
„Hinterm Krankenhaus steht ein Wald. Es ist keiner. Eine Baumschule ist es, demWildwuchs überlassen. Älter als die Wohnblockherden am Stadtrand, älter als das Krankenhaus“ (S. 132); „Das Krankenhaus stellt das Straßenende zu, hält kleine, beleuchtete Fenster hin, eine Kette von Monden.“ (S. 242)
Temeswar – Park
„Da im Park der Hauch der Angst hängt, wird man langsam im Kopf und sieht in allem, was andere sagen und tun, sein eigenes Leben.“ (S. 45)
Temeswar – Opernplatz
„Auf dem Opernplatz stehen keine Pappeln, auf dem Opernplatz ist die Stadt nicht gestreift. Nur fleckig von den Schatten der Gehenden und fahrender Straßenbahnen.“ (S. 72)
„Der Platz ist abgeriegelt, die Straßenbahnen stehen hinter den Eiben. Durch enge Straßen hinter dem Platz kriecht Trauermusik, ihr Echo steht auf dem Platz, und der Himmel läuft über die Stadt.“ (S. 74)
„Oben hat der weiße Balkon der Oper seine Säulen in den Schatten der Wand gestellt. Und die Löcher unten im weichen Asphalt sind von den Stöckelschuhen der trauernden Frauen.“ (S. 76)
Temeswar-Stadion
„Das Stadion steht eingeschlossen in seinen Erdwall. Das Gras ist vom Herbst so zerfressen, daß man dazwi¬ schen Erde sieht. Auch Steine. Drüben stehen Wohnblocks. Sind ineinander gerückt, hinter dem leeren Parkplatz nicht höher als das Gestrüpp, das auf den Erdwall steigt.” (S. 157)
Temeswar-Friedhof
„Der Heldenfriedhof liegt hinter der Stadt. Auf dem Platz liegen zertretene Gladiolen, die Straßenbahnen fahren.” (S. 75)
Temeswar-Bahnhof
„Auf dem zersprungenen Betonboden liegt hellgrüne Spucke und Sonnenblumenschalen. Über dem Eisenofen ist eine Wandzeitung, dreimal das Bild des Diktators, das Schwarze im Auge ist so groß wie Adinas Mantelknopf. Es glänzt. Und die Spucke auf dem Boden glänzt.“ (S. 185)
Temeswar – Kathedrale
„Die Treppen der Kathedrale sind vollgestellt mit dünnen gelben Kerzen. Sie flackern schief wie der Wind. Die langen roten Nelken, die kurzen, weißen Zyklamen sind zertreten von den vielen Schuhen und noch nicht welk. Die Treppen sind bewacht von Panzern und Soldaten” (S. 274)
Temeswar – Schule
„Im dreckigsten nackten Winkel im Schulhof, vor einer Wand, liegt ein Berg. Die eine Hälfte ist aus Tuch, ge¬ flochtene Kordeln, gelbe Quasten, Schulterklappen. Die andere Hälfte ist aus Papier, Losungen, Landeswappen, Broschüren und Zeitungen mit den Reden und Bildern.“ (S. 281)
Dorf an der Donau
Liviu ist „Lehrer in einem kleinen Dorf im Süden, wo die Donau das Land abschneidet, wo die Felder in den Himmel stoßen und die verblühten Disteln weiße Kissen in die Donau werfen. Im Dorf trinken die Bauern vor dem Frühstück Schnaps und gehen aufs Feld.“ (S. 49)
„Liviu erzählt von diesen Dörfern, seitdem er im flachen Süden, wo die Donau das Land abschneidet, Lehrer ist.“ (S. 105)
„Von den Nächten im Dorf erzählt Liviu, in denen nur zwei Hausecken beleuchtet sind, das Haus des Bürgermeisters und das Haus des Pohzisten. Zwei Höfe, zwei Treppen, zwei Gärten bis ins Blattwerk von Licht bewacht. Herausgehoben und still. Alles andere ist eingegraben.” (S. 106)
„Ilije sitzt wie Liviu im flachen Süden. Gleich nahe, gleich weit von der Donau, beide in verschiedenen Orten. An einem Ort fließt die Donau gerade und schneidet das Land ab, am anderen Ortfließt die Donau schief und schneidet das Land ab. Nur die Schüsse fallen an beiden Orten gleich, als würde ein Ast abbrechen, nur anders.“ (S. 112)
Donauebene
„Die Ebene ist schwarz, doch der Boden kein Wasser (…) Der Schützengraben hat alles gesehen, und morgen weiß der Offizier mit dem goldenen Zahn, das ist Verrat. Die Hügelspitze wird stumm dastehen und nicht mehr wissen, daß sie die Nacht in einer Stirn verbracht hat, daß sie es war, die einen durchsichtigen Schädel vor Angst zur Flucht getrieben hat.“ (S. 206) ,
Und weit weg im Land, wo die Ebene bald aufhört, wo jeder jeden Weg kennt, wo die gleiche Nacht mit der Fußspitze gerade noch hinreicht, geht Ilije die Abkürzung durchs Feld (…) Der Bahnhof steht allein, die Lichter der Kleinstadt leuchten, wo der Himmel abbricht, aneinandergereiht wie ein Schlagbaum. Jetzt sind die Grenzen nicht weit.“ (S. 285)
Rumänien
„Ein schöner Abend. In einem schönen Land. Wir können uns alle aufhängen. Zusammen sterben ist verboten. Wenn wir tot sind, verlassen wir in Ruhe den Saal.“ (S. 130)