Handlungsort/ Setting: Amerika/ Lake Michigan

Projizierter Ort/ Projected place: Paris, Amsterdam

Route: Süden Amerikas – Norden Amerikas

Handlungszeit/ Time of action: 2010er Jahre

Marker: Nürnberg

Zimmer im Krankenhaus in Amerika/Lake Michigan

„Der Zimmerhimmel weiß, dass ich alles hören kann, vor allem das, was nicht gesagt wird und auch jenseits der Wände. Oben am Plafond magnetisieren sich die lauten, die leisen und die noch ungeborenen Wörter. Sie suchen mich, und ich, ein Mann, der stumm und bewegungslos in einem Bett liegt, bin ihr lebendiges Radio, aus dem noch nichts in die Außenwelt dringt. Wenn niemand mehr im Zimmer ist, fällt sie auf mich herab, die Weisheit und Sammlung der Wörter, weil ich das Land bin, das ihrer gedenkt. (…)Das helfende Fenster ist aus hellem Holz. Ich rieche seine große Frische. Das Holz ist junges Holz, von einer Birke, noch nah an Atem und am Leben. Das Zimmer ist bescheiden und ganz in weiß gehalten. Allein die über mich wachenden Frauen sind heute Farbe darin.“ (S. 6)

„Tot wirke ich allem Anschein nach auf jeden, der hier meinen regungslosen Körper im Bett liegen sieht.“ (S. 8)

„Die Schmerzen sind jetzt in den Quadraten eingesperrt. Endlich verstehe ich ihren Sinn und ihr Wesen. Wenn ich mir die schwarzen Quadrate ganz klein denke und sie in meiner Vorstellungskraft auf kariertes Papier schreibe, ergibt ihre Summe in jeder Richtung die gleiche Zahl.“ (S. 17)

„Ich weiß nicht einmal, ob ich in einem Institut, einem Forschungszentrum für Bewusstsein, in einem gewöhnlichen Operationsvorzimmer, oder in einem ganz anders gearteten Raum untergebracht bin. Davon unbeirrt lebe ich meiner Genesung entgegen.“ (S. 18)

“Auf welchem Stockwerk ich wohl liege? Je höher oben man ist, desto leiser ist das sagbare Leben. Es könnte das zehnte, das elfte oder das dreizehnte Stockwerk sein. Ich höre die Schwestern manchmal einige Zahlen murmeln. Es heißt immer in ihren Unterhaltungen, dass sie tagsüber bis zur zwölften Etage viel zu tun haben. Nie ist jemand von den unteren Stockwerken zu hören (…)Die Visite hat mich möglicherweise für einen aufkeimenden Dunkling gehalten und mich tatsächlich auf einem dreizehnten Stockwerk untergebracht, aus Platzmangel, weil auf allen anderen Stationen die Betten belegt sind.” (S. 45)

„Und das kann ich, er geht mit mir aus diesem Zimmer heraus, das mich ein ganzes Jahr lang beherbergt hat. Auf dem Flur ist es so still wie all die Monate zuvor. Nirgendwo ein Mensch. Auch keine Pflanzen.” (S. 137)

„Überall ist Glas. Verspiegelt. Alles voller Spiegelungen. Ich gehe und weiß nicht, wohin ich gehe, laufe einfach los. Dann sehe ich etwas, das ich für einen Aufzug halte. Es sind keine Verweise auf die Stockwerke erkennbar. Ich kann an nichts sehen, wie man diesen Aufzug betätigt. So fasse ich alles an und ertaste kleine Abstufungen im Material, knopfartige Einhöhlungen, die ich für einen Fingerkuppentester halte. Es schaltet sich nichts frei. Wieder überkommt mich das Gefühl der nahenden Ohnmacht, wie jener Kraftverlust in den Träumen mit meinem Widersacher. Bitte komm, Aufzug, bitte komm, höre ich mich selbst zu meiner eigenen Überraschung mit lauter Stimme sagen. Und tatsächlich hat es eine Wirkung, der Aufzug ist sofort da.” (S. 138)

„Wir fahren nach Kalifornien, Petaluma – Sonoma County. Dreitausendvierhundert Kilometer liegen vor uns. Die Unermesslichkeit des Himmels senkt sich blau über unsere Körper. Die Erde kommt mir so unwirklich vor wie ein außerplanetarisches Flugobjekt. Ich drehe mich noch einmal zum See um, suche mit meinem Blick nach dem Gebäude, in dem ich ein ganzes Jahr lang das Erwachen übte. Ich sehe es nicht mehr. Unzählige Hochhäuser huschen an uns vorbei, eine Straßenschlucht löst die andere ab.” (S. 138)

Nürnberg

„Ich war noch nie in Nürnberg und mache mir nichts aus deutschen Süßigkeiten, die ich offenbar von früher kenne. Viel wichtiger als die Mitbringsel dieser helfenden freundlichen Frau ist etwas anderes, es ist ihr unverkennbarer Gedankenkoffer. Zu dem nehme ich Verbindung auf. Dort ist viel verborgen von der Sprache. Wenn sie nach mir sieht, trägt sie den Koffer jedes Mal ins Zimmer. Was in ihm ist, weiß ich anfangs nicht.” (S. 15)

Vareler Hafen

„Wenn ich gesund bin, möchte ich zum Vareler Hafen fahren, am Jadebusen sitzen und den rastenden Vögeln stundenlang zusehen.“ (S. 53)

Amsterdam

„Ich sehe eine Stadt vor meinen Augen, ich sehe Amsterdam vor mir und den Anfang eines neuen Herzensalphabets. War Nada nur ein Bild?“ (S. 55)

die Stadt

„Und keiner der beiden weiß, wie sie mich gefunden hat, diese Frau, die sich meine Ehefrau nennt. Gekommen ist sie von einem ganz anderen Kontinent und musste einen Ozean überqueren. Schiff oder Flugzeug, ich habe nicht verstanden, mit was sie es geschafft hat, das Weltmeer zu überwinden und wie sie überhaupt meinen Aufenthaltsort herausgefunden hat. Aber sie scheint wirklich da zu sein. Und zu bleiben. In der Stadt, wie die beiden nun immer wieder sagen. Es ist also eine Stadt, in der wir uns befinden. Das habe ich am Anfang schon angenommen. (…)Immer noch weiß ich nicht, was eigentlich dafür spricht, dass es kein Dorf ist, wo ich untergebracht bin. Ich höre keinerlei Geräusche einer Stadt.“ (S. 65)

Das Land

„Ich sehe, das Land, das ich verlasse, ist im Krieg“ (S. 99)

Pentaluma

“Wenn ich Wheeler nicht gehabt hätte, wäre ich damals gestorben. Wheeler war großzügig. Er hat uns Petaluma gezeigt, seine Stadt, die von Goldgräbern gegründet wurde, die aus dem Süden Europas kamen, von den kleinen Inseln und Halbinseln, die ich aus meiner Kindheit so gut kannte und die mir hier, an dieser weiten blauen Küste und in diesem freundlichen Zimmer, wieder in Erinnerung kommen. In Petaluma hat Wheeler schon immer gelebt, das hat er einmal so gesagt.“ (S. 104)

Herkunftsland

„Und wo genau befinde ich mich, in welchem Land, in welcher Sprache, in welchem Jahrtausend?  Ich weiß jetzt, dass ich damals kurz nach der Sache mit den Fischaugen nach Europa gereist bin und meine Eltern besucht habe. Meine Schwestern lebten nicht mehr. Vater und Mutter erzählten mir von Shakespeare-Experten, die sich auf den umliegenden Hügeln versammelt und die Leute unten in der Stadt beschossen hatten. Ich sah auf die Berge. Und die Berge sahen unschuldig zurück. Nichts war mehr beweisbar.“ (S. 108)

Paris

„Der Geruch des frischen Brotes macht mich ganz ruhig und lässt mich an meine Studentenzeit in Paris zurückdenken. Ich hatte nicht viel Geld, dennoch kaufte ich das Baguette beim besten Bäcker in meinem Viertel. So lernte ich meine Nachbarn kennen, und mit einigen von ihnen freundete ich mich an.“ (S. 109)

Lake Michigan

„Ich glaube, es ist der Lake Michigan, jedenfalls taucht schon seit geraumer Zeit dieser Name in meinem Kopf auf, vermischt mit Bildern von Milena, ihren Kleidern und Röcken.“ (S. 128)

Kalifornien

„Milenas Arbeit hatte uns aus Kalifornien weggehen lassen. Als sie das erste Mal ins Büro fuhr und wir alles eingerichtet hatten, fingen meine Schwindelanfälle an. Manchmal fiel ich mitten in der Stadt in Ohnmacht.“ (S. 129)

Chicago

„Kurz vor meinem vierzigsten Geburtstag rief mich Wheeler an, und ich stieg ins Auto, um zu ihm nach Kalifornien zu fahren. Ich hatte ausgerechnet, dass ich dreißig Stunden unterwegs sein würde. Dreitausendvierhundertzwanzig Kilometer, die mich nicht schreckten. Petaluma, Sonoma County. Goldgräberstadt, Goldgräberstimmung. Einmal mehr würden wir bei David’s Coffee sitzen und danach einen Spaziergang an Wheelers Strand machen. Ich bin nicht weit gekommen. Warum ich am Lake Michigan war, kann ich nicht mehr sagen. Der See muss mein Ausgangspunkt gewesen sein. Ich sehe nun auf die Hochhäuser der Stadt. Chicago. Der Ort, an den ich mit Milena umgezogen sein muss. Eines der Hochhäuser ist so hoch, dass es mir nicht gelingt, die Stockwerke durchzuzählen.“ (S. 129)

Alte Welt

„Nadushka war weit weg, in der Alten Welt. Sie trank wahrscheinlich guten Kaffee oder saß in irgendeinem schönen Kino, sah sich Retrospektiven und Filme mit Anna Magnani an, irgendeinen Film von Pasolini und Fellini und die Städte voller Frauen.“ (S. 133)

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