Handlungsort/ Setting: die Schweiz, Afrika
Projizierter Ort/ Projected place: Bukarest
Route: Osten – Westen
Handlungszeit/ Time of action: Ende der 1990er Jahre
Marker: Madrid
Rumänien – Küche der Tante
“Die Möbel in der Küche der Tante schwiegen. Der Tisch war die aufgeklappte Tür eines Sekretärs, darunter steckte ein Holzstab. Im Regal Zahnstocher. Kristallgläser. Zuckerstreuer Ovomaltine. Aschenbecher »Sao Paulo« oder >>Madrid«. Silberkannen »Zürich Plaza Hotel«.” (S. 10)
Ausland
“Von den Städten kenne ich den Zirkusplatz, den Gemüsemarkt und den Friedhof. Die Gemüsemärkte gehören meiner Mutter, die Friedhöfe meiner Tante.“ (S. 13)
Krankenhaus im Ausland
“Das Sterbehaus der Tante hieß Erholungsklinik. Im Nebenzimmer starb in derselben Nacht noch jemand. Die Sargträger brachten zwei Särge. Im Prospekt ein erholsamer Park. Gemütliche Sitzecken. Ein Seerosenteich. Ein herrlicher Blick auf Stadt und See. Wohnliche Räume, fast wie zu Hause.” (S. 30)
“Mit jedem Spitalaufenhalt zog meine Mutter ein wenig mehr zu ihr. Aus der ersten Übernachtung in der Erholungsklinik wurde ein Wohnen. Ein Wohnen aus Säcken. Nachts klappte sie ein Bett auf und stellte es neben das Bett ihrer Schwester.“ (S. 30)
Rumänien
„Aus Rumänien hatte der Onkel auch ein Zahnarztdiplom und eine Geliebte mitgebracht.“ (S. 39)
„Als ich noch tot war, lebten alle meine Verwandten in Rumänien. Die Geschwister der Tante hatten sechzehn Füße. Meine Mutter war die Jüngste. Ihre Zöpfe reichten bis in die Hauptstadt, ihre braunen Augen waren grün. Meine Mutter trat mit ihrem Bruder Petru als Japanerin auf. Petru hatte eine Zunge aus Butter, er leckte ihr die Wunden, die er in sie hineinbiß.“ (S. 56)
Bukarest
„Duo Peterini und die Tante lebten mit den Füßen in Bukarest und mit dem Kopf in Paris“. (S. 56)
“geboren wurde ich in Bukarest” (S. 67)
„Gezeugt wurde ich in Krakau, sagt meine Mutter. Gezeugt in Krakau und geboren in Bukarest. Ich bin eine Walachin. Was ist eine Walachin? Die Hände meiner Hebamme kamen aus Deutschland. Mein Blinddarm blieb in der Tschechoslowakei, in einem Militarspital (….) Meine Mandeln blieben in Madrid” (S. 67)
die Schweiz
„In Helvetia waren wir anerkannte Flüchtlinge. Gefällt es dir hier? Auf diese Frage mussten wir dort immer nur JA antworten. Ja, in Rumänien war es sehr schlimm. Ja, hier ist es sehr schon. Auf unserem Auslanderausweis stand eine MITTEILUNG, die uns im Flüchtlingsbüro erklärt wurde.“ (S. 65)
“Wir leben in einem zivilisierten Land, sagte sie, hier kann man sich Geld au leihen. Das ist der Unterschied zu Rumanien.” (S. 76)
„Seit die Verwandten auch reisen durften, kamen sie mit rumanischem Weizen und mit den Stimmen der Toten im Koff er. Im Keller der Tante in der Schweiz stapelten ich der Totenvorrat und die abgelaufenen Konservendo en, die sie im Ausverkauf gekauft oder im Keller einer verstorbenen Nachbarin eingesammelt hatte (…) Die Wohnung wurde ein Lager für Rumänien, die Möbel wuchsen ineinander, in die aufeinandergelegten Teppiche sanken die Füße wie in Schlamm.“ (S. 90)
„Arme Rumänen im Ausland wurden von Tante und Mutter gemieden. Zigeuner, hieß es. Reiche wurden ebenfalls gemieden. Sind gekommen mit dem Finger im Arsch, und jetzt halten sie sich für was Wichtiges! Und Einheimische wurden gemieden, weil sie Fremde waren.” (S. 91)
Flüchtingbüro in der Schweiz
“Wir wollten die Schweiz nicht hergeben, meine Mutter rannte um den schönen Holztisch, und ich stieg in den Schrank. Die zwei Büros der Flüchtlingshilfe waren durch einen Schrank verbunden. Wenn einem Flüchtling nicht geholfen werden konnte, blieb die Tür ein Schrank, for die anderen war der Schrank eine Tür. Wer das Geheimnis kannte, war anerkannt. Ich war stolz darauf, in diesen Schrank steigen zu dürfen, in den Bauch der Helvetia.“ (S. 68)
Zürich
“Als meine Mutter und ich zurückkehrten, benutzten wir die Stadt wie ein Hotel. Zürich war in unserer Abwesenheit geschrumpft. lch selbstmordete mich täglich, hängte ich am Heizkörper auf oder baumelte vom Balkan herunter, lag zerfetzt auf den Geleisen, erstickte in einem Plastiksack oder zog an meiner Zunge, bis alles rauskam. lch starb an Dunkelheit, Sommer, Traurigkeit oder an langer Haut. Vor allem starb ich an meiner Mutter, die mir aus dem Gesicht wuchs. Wir zogen von Wohnung zu Villa, von Villa in ein möbliertes Zimmer, von dort in den Block, wo Tante und Onkel wohnten, dann in ein Schlößchen oder in einen Keller.“ (S. 74)
Moldau
“Mit dem Paß der auswendiggelernten Heimat und acht Jahre jünger als im Leben reiste sie nach Moldau, zu den Verwandten. Ein Wiedersehen nach fünfundzwanzig Jahren. Sie kaufte Gräber, taufte Kinder, kaufte eine Wohnung, eine zweite für den Onkel und eine dritte fur ihre Kühlschränke. Sie fror Lämmer und Schweine ein. Die Neugeborenen hießen dann alle wie sie.“ (S. 84)
Friedhof Moldau
“Sonntags gingen die Verwandten mit Klapptischen und Klappstühlen zum Friedhof. Sie aßen für sich und die Toten, sie sangen, sie weinten, sie schlugen sich zusammen. Tagelang wurde der Totenkuchen gekocht. In der orthodoxen Kirche reihte sich Tisch an Tisch für die Spenden der Tante. (…) Jeder Biß eine Erleichterung fur die Seele der Toten. Die Kirche sah wie das Wohnzimmer der Tante in der Schweiz aus. Heilige, Goldikonen, Kerzen. Auf dem Boden lagen Frauen, sie bedeckten den Boden wie Teppiche. Wenn der Popa vorbeikam, küßten sie sein Goldgewand. Er gab jeder einen kleinen Klaps auf den Kopf. Der Boden murmelte wie aus einem Mund.“ (S. 84)
Krakau
“gezeugt wurde ich in Krakau“ (S. 67)