Handlungsort: Amsterdam, Berlin
projizierter Ort: Paris, Sarajewo
Route: Berlin – Amsterdam
Handlungszeit: 2000er Jahre
Marker: Split, Amerika
Deutsch-holländische Grenze – Zug
– Route: Berlin nach Amsterdam (IE- Nadeshda)
Paris, erinnerter Ort (ehemaliger Wohnort von IE und Arjeta)
„Bei Sèvres-Babylone stiegen wir immer aus der Métro und trieben uns stundenlang auf dem Boulevard Raspail herum. Manchmal, wenn es im Winter kalt war, auch im vornehmen Kaufhaus Bonmarché, wo man uns schon an der Nasenspitze ansah, dass die paar Francs, die wir in unseren Taschen hatten, nicht einmal für einen Café crème in einem der guten Cafés reichten. Ganze Nachmittage verbrachten wir in den teueren Boutiquen, ohne je etwas zu kaufen. La nouvelle collection, wir kannten sie auswendig. Einmal, als ich nach einer solchen Reise durch die Welt der neuen Kleider den Boulevard Raspail überquerte, traf ich mitten auf der Straße den Schriftsteller Milan Kundera.“ (S. 8)
„Weder Ilja noch ich wussten damals, dass wir zur gleichen Zeit in Paris lebten. Er wohnte im zehnten, ich im elften Arrondissement. Er ging oft in der rue Saint Maur spazieren, manchmal auch mit Freunden im Charbon tanzen. Das Charbon war damals eine Diskothek, im quartier branché. Es war Mode, in der rue Saint Maur und in der rue Oberkampf auszugehen. Das einzige Zimmer, das ich in der ganzen Stadt zu einem erschwinglichen Preis hatte auftreiben können, lag genau gegenüber vom Charbon. Aber zum Glück im Hinterhof, so dass ich hin und wieder nachts auch durchschlafen konnte. Offenbar kam die ganze Pariser Jugend hierher zum Tanzen, und der Krach, den sie an den Wochenenden allenthalben produzierte, führte dazu, dass ich die Nächte an meiner Doktorarbeit durchschrieb.“ (S. 10)
Café Gottlob – Paris
„Arjeta und ich saßen an den Nachmittagen in den Cafés unseres Viertels herum, lasen Zeitung, Bücher, Gedichte, aßen zur Abwechslung Erdbeer- oder Rhabarberkuchen und tranken Cappuccino im Café Gottlob.“ (S. 21)
Sarajewo – Herkunft Ilija und Arjeta
„Er sagt, ich weiß, dass ich kein Baum bin, aber dennoch wachsen meine Wurzeln in Sarajevo weiter, wo auch immer ich hingehe, wachsen sie dort weiter, wo ich zur Welt gekommen bin.“ (S. 9)
„Arjeta war aus Sarajevo nach Paris gekommen. Sie hatte alles gesehen, was man in einer belagerten Stadt sehen kann, ihren Vater verloren und ihre beiden kleinen Brüder auch. Der Jüngere starb ohne Beine in ihren Armen. Eine Granate hatte sie von den Zehen her weggeschossen. Die Mutter blieb am Leben.“ (S. 18)
„Sie (Arjeta) hat Sehnsucht nach ihrem alten Sarajevo, sie macht oft die Augen zu, um es zu sehen. Sie ist es auch, die sich immer umdreht und zu irgendeinem Fenster geht, hinausschaut, auf die Bäume, die Straßen, die Gärten sieht, wenn die Rede auf die Vergangenheit kommt und ihre Stadt in ihr aufflammt. Sie spricht selten über Sarajevo. Sie sagt es nie als Wort. Ihre Art über Sarajevo zu erzählen, ist über Sarajevo zu schweigen. Die Liebe lebt wie Arjetas Sarajevo vom Unerzählten. (S. 28)
„Aber das ist nicht alles, ich bin mehr als das, ich bin verwoben mit der dalmatinischen Stadt Split und mit der bosnischen Stadt Sarajevo, ich habe diese verdammten Wurzeln von meinen Großvätern und Großmüttern, sie haben den ewigen Plural in mich eingesetzt, sie haben mich mit dem Plural eingesalzen und jetzt kann ich gucken, wie ich das alles in mir ordne. Meine Großeltern sind nach Amerika ausgewandert, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg.“ (S. 111)
„Jeder, den ich kenne und der in Dalmatien geboren ist, jeder, aber ausnahmslos jeder, den ich liebe, hat irgendeinen Verwandten oder irgendein kleines Stückchen seiner Wurzeln in Bosnien.“ (S. 153)
Split
Treffpunkt von Ilija und der Ich-Erzählerin in einem „kleinen Apartment in Split“ (S. 111)
Amsterdam
„Ilija soll auf dem Sterbebett an unsere Nächte in Amsterdam denken“ (S. 32)
„Einmal, unter dem Fenster des Amsterdamer Hotels, an der Nieuwe Prinsengracht, da hat Ilja mitten in der Nacht lachend zu mir hinaufgeschrien, ich bin da, mach auf, want to kiss your tears dry with my head high.“ (S. 130)
Balkan
„Der Balkan ist der Brennofen Europas, sein unbewusstes Feuer, seine alte Scham. Mit der Geburt meines Großvaters, der nach Chicago ausgewandert ist, habe ich genauso viel zu tun wie mit der Tatsache, dass der Faschismus auch vor meinem Dalmatien nicht haltgemacht hat“ (S. 111)
Amerika
„Vielleicht war ich deshalb nicht traurig, als meine Eltern nach Amerika geflohen waren. Mutter hatte ihn also immer gedeckt. Ich hatte nichts davon gewusst, mich aber immer gewundert, dass ich nicht einmal über ihre Flucht geweint hatte. Singend, sagte die Tante, er hat die Libellen singend getötet, schon als Kind, so, wie er später die Mädchen getötet hat, singend ist er vorgegangen, wie bei den Libellen.“ (S. 112)
„Dann hatten meine Eltern die Koffer gepackt, über Nacht, und in der Frühe schon waren sie nach Split gefahren. Keiner der beiden küsste mich zum Abschied. Ich glaube, sie nahmen ein Schiff, und dann weiß ich nichts mehr über ihre Jahre in Amerika, außer, das sprach sich schnell im Dorf herum, dass sie über New York irgendwie nach Chicago gelangt waren und dort unter einem anderen Namen lebten. Als ich viele Jahre später in Chicago auf der Michigan Avenue spazieren ging und vom Westin-Hotel in Richtung der Miracle Mile sah, während ein kalter Wind an meinem Mantel wie ein hungriges Kind zerrte, dachte ich wieder an meinen Vater und fragte mich, wie es wohl wäre, ihn hier unter diesen Millionen von Fremden in Downtown Chicago zu sehen, ihn und seine gierigen Augen wiederzuerkennen und ihm Guten Tag zu sagen. Ich habe nie diese Gelegenheit erhalten, sie hätte seiner Lüge und meiner Wahrheit jeweils auf die gleiche Art und Weise geschadet.“ (S. 119)
„Mein Vater ist nach der Zeit in New York für den Rest seines Lebens in Chicago untergetaucht.“ (S. 149)
„Opa und Oma kamen zuerst über Ellis Island nach New York, später, als sie sicher waren, dass sie nicht mehr nach Dalmatien zurückkehren würden, gingen sie nach Chicago.“ (S. 150)
„Ilija hat es genau andersherum gemacht, aber genauso wie meine Großeltern hat auch er nach einem Krieg dem Balkan, Europa an sich, den Rücken gekehrt. Er hat sich entschieden, in Amerika zu bleiben, deshalb, sagt er, sei er von Chicago zunächst nach New York gegangen.“ (S. 151)
„Ein unangekündigter Anfall von Trauer erfüllte meine Haut bei der Erkenntnis, dass es normal war, mehrfach echt zu sein, und dass Ilja auch ohne mich anders echt war, in Amerika, wo er bald nach San Francisco umziehen würde und jetzt in Chicago war, wo es eine West Randolph Street und ein Café namens Dragonfly gab und der Lake Michigan so grau war wie meine seit Jahren ausgewaschene Jeans.“ (S. 161)
Šibernik
„Ilja ist in der Nähe von Šibernik zur Welt gekommen, seine Mutter ist eine Damatinerin, deren Großeltern aus Odessa stammen.“ (S. 153)
Dorf der Kindheit (erinnert) in Dalmatien (Bosnien)
„Mit dem Bus fuhr ich noch einmal in mein Dorf, ging zum Haus, in dem wir einst alle gelebt hatten, sah den Stall, das Gras, die Bäume und erinnerte mich an das Pferd, daran, wie oft ich, meist abends, vor dem Zubettgehen, seinen schönen weichen Kopf küsste, den es mir wie eine Gabe hinhielt. Alles war noch da, von der Sonne ausgeblichen, von Blumen, wilden Beeren und Unkraut überwuchert zwar, aber alles stand an alter Stelle, die Fensterläden, das blass gewordene hellgrüne Holztor, das verrostete Gitter vor dem Hühnerstall, in dem jetzt eine in alle Himmelsrichtungen ausufernde Wildrose zu sehen war, die kleinen Holzhocker, die mein Urgroßvater aus Italien mitgebracht hatte. Die Bäume blühten so prächtig, wie ich es nur in der frühen Kindheit gesehen hatte, auch die Vögel sangen, viele verschiedene waren auf dem Hof und zirpten von den Wipfeln ihre Lieder in die offene Luft. Laut und so deutlich wie niemals vorher und niemals danach zeigte mir ihr Gesang die Abwesenheit der Menschen und ihrer Gedächtnisse an. Die Natur kümmerte sich um keine Erinnerung, die Pflanzen wuchsen einfach, ein Quittenbaum war aus dem Nichts herausgeschossen und versperrte nun die Eingangstür, durch die ich so oft barfuß gegangen war, in den lang gezogenen Sommern, unter dem beschützenden Licht des Augusts, immer die Schwelle im Auge, als ginge ich jedes Mal über einen Abgrund, den sie in Wirklichkeit markierte, aber, so dachte ich es damals, nur ich sah diese Schlucht, die in meiner Vorstellung die Welt verschlucken würde, wenn ich nicht achtsam ginge und ihr damit meine Ehrerbietung zeigte.
Jetzt hatte der Quittenbaum die Schwelle erobert, wuchs dort, als hätte nie ein Mensch seinen Fuß drübergesetzt, als hätte es nie eine andere Form von Leben hier gegeben, keiner auf dem Hof je gelacht, als wäre kein Schmetterling um die Füße eines im Gras schlafenden Menschen geflogen. Die Bäume, das Gras, die Blüten, die wilden Beeren wuchsen in Ritzen und aus Steintreppen, verwiesen jedes Gedächtnis in eine Art Lebenswinter zurück, als hätte es nie etwas anderes als dieses zielgerichtete Streben der Natur nach Verewigung gegeben und als wäre in allem diese eine Aufgabe am Werk gewesen, die das Überwuchern des Gedächtnisses zum Ziel hatte. Und ich dachte, dass es vielleicht in unseren Gehirnen solche Ritzen, Öffnungen und Stufen geben müsse, so etwas wie die Ruinen unseres Lebens, in denen die Schmerzen und Wunden von Wörtern, Wünschen und Hoffnungen überwuchert werden, damit wir weiterleben können, ohne an der Erinnerung zu sterben. Mein Gedächtnis hörte an diesem Tag auf, sein Scherbengericht über mich zu halten.“ (S. 115)
„Das Dorf lag hell in der Ebene, die Sonne brannte auf dem Weiß der Steine, gleißend strahlte es zu mir herüber. Die Natur zauberte und öffnete die Welt, was mit den Menschen und ihren Häusern geschah, das war vor dem Hintergrund dieses um sich greifenden Wachstums gleichgültig. Später, als ich lange nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens und dem Ende des Krieges durch Bosnien reiste und in den Dörfern unzählige zerschossene Häuser sah, Ruinen, in ihnen umgestürzte Öfen, Kühlschränke und Kinderbetten, da bot sich mir das gleiche Bild. Wieder malte die Natur ihre kaltblütige Schönheit in die Welt und kümmerte sich nicht um die Erinnerungen der Menschen, die alles verloren und kein Dach mehr über dem Kopf hatten. Sie verfolgte nur diesen durchdachten Plan des Wachstums, und es schien, als wüchse sie am liebsten und mit Eifer gerade an jenen Stellen, an denen etwas zerstört worden war. Dort, im Gemäuer eines alten Steinhauses, im zerstörten Badezimmer einer Vorstadtwohnung, in den Ruinen eines eifrig von einst in Deutschland beschäftigten Arbeitern errichteten idyllischen Häuschens, dort wuchs mit präziser Vorliebe eine Wildkirsche, eine Linde, eine Maulbeere. Die Düfte der Früchte, Blüten und Blätter betörten den Ort, so dass man mit geschlossenen Augen hätte glauben können, das Paradies umgebe einen mit diesen wohligen Erdengeschenken, die von der gleichnishaften Verschwendung der Natur herrührten und doch trügerisch waren, wie alles auf Erden trügerisch und dem Verschwinden geweiht ist. Bei all dieser kaltblütigen Schönheit schien es, als hätte die Natur Gottes Rolle übernommen. Mich nahm sie selbstredend unter ihre Fittiche, schenkte mir Zuversicht, ließ mich teilhaben am Zeitmaß der Vögel.“ (S. 116)
„Aber wovon verabschiedet sich der Mensch eigentlich, wenn der Ort, an dem er gelebt hat, nicht mehr von Menschen bewohnt wird, ein Ort, an dem man ihm nie die Wünsche erfüllt hat, von denen er geglaubt hat, sie würden sein Leben ins Gute wenden? Und kann ein Ort weiterhin ein Ort bleiben, wenn ihn keine Menschen bewohnen? Ein Ort braucht Menschen, um der Willkür der Natur zu entkommen und im gemeinsamen Gedächtnis, im Erbe der gemeinsam gelebten Liebe in ihre Gnade einzutreten“ (S. 121)
„Mit Ezra bin ich doch wieder nach Dalmatien gefahren, mein Sohn stellt Fragen und ich reise mit ihm, um ihm Antworten zu geben, die er sehen, berühren und riechen kann.“ (S. 126)
Hotel Deutschland Süden
„Dann frage ich Ilja, wie es ihm jetzt geht, in seiner Zukunft ohne mich, ob er noch manchmal aufwacht, schweißgebadet, zitternd wie damals, als wir uns in Deutschlands Süden trennten, für immer, wie ich jetzt weiß, aber damals, da habe ich die Hoffnung gebraucht, all diese Wörter, die sich sonst früher nur romantisch für mich angehört haben, Wörter für Filme, Übergangswörter. Und dann, als Ilja fortging und mich allein zurückließ in jenem klitzekleinen Hotelzimmer, in dem wir uns drei Mal an nur einem Nachmittag geliebt hatten.“ (S. 127)
Berg Biokovo – Bosnien
„Tante schwieg, rauchte, brühte Kaffee für uns auf. Wir saßen unter dem Feigenbaum und sahen auf den Berg Biokovo.“ (S. 119)
New-York → Paris → Berlin
„Ich bin von New York nach Paris gegangen und dann habe ich nicht mehr gewusst, wohin ich danach noch gehen könnte. Meine Imagination hat mir präzisere Grenzen gesteckt. Mir ist Berlin in den Sinn gekommen, weil dort die Mauer nicht mehr stand, und ich weiß noch genau, wie leicht es mir gefallen ist, meine Koffer in Paris zu packen und zum Flughafen Charles de Gaulle zu fahren. Ich bin die rue Mazarine hinuntergegangen, habe die Métro genommen und bin dann mit dem Zug zum Flughafen gefahren. Erst dort habe ich mein Ticket gekauft. Es hatte, so sagte ich es mir selbst, praktisch schon auf mich gewartet, wie in einem Buch eines amerikanischen Erzählers. Zwei Stunden später saß ich im Flieger, und als ich in Berlin-Tegel ankam, wusste ich, das wird meine Stadt werden, trotz November, trotz Regen, trotz des unfreundlichen Taxifahrers, der mich zur Bernauer Straße brachte und einen meiner Koffer wie eine Bombe auf die Straße warf, vor der er dann selbst flüchten musste. Der Sozialismus hockte noch ein wenig in der Berliner Luft.“ (S. 165)