Handlungsort/ Setting: Hermannstadt, Bukarest
Projizierter Ort/ Projected place: Lager in Donbass
Route: Rumänien – Donbass
Handlungszeit/ Time of action: 1940-1960
Marker: Gebirgsdorf Lugi aus dem Dreiländereck der Karpato-Ukraine, Rakhiv/Dreiländereck, Kleinbetschkerek, Arad, Wurmloch, Kastenholz, Kleinstadt Deta, Mediasch, Oberwischau, Banater Bergland aus Karansebesch, Bakowa im Banat, Bogarosch, Lugosch, Guttenbrunn, Buzău, Dorohoi, Bukowina, Kiew, Odessa, Kastenholz
Hermannstadt
„Im Gewühl der Straßen habe ich in die Spiegel der Vitrinen, Straßenbahn- und Häuserfenster, Springbrunnen und Pfützen geschaut“ (S. 5)
„Vor, während und nach meiner Lagerzeit, fünfundzwanzig Jahre lang habe ich in Furcht gelebt“ (S. 5)
„Die Vitrinen der Geschäfte standen in gelbem Licht wie Haltestellen. (…) Vom Großen Ring zog es mich in die Wohnstraßen. In den Fenstern hingen beleuchtete Vorhänge. Die verschiedensten Spitzenrosetten und Zwirnlabyrinthe hatten den gleichen schwarzen Widerschein vom nackten Baumgeäst.“ (S. 218)
Hermannstadt – Erlenpark
„gipsweißen Lagerbäume im Erlenpark, alt und riesig“ (S. 55: IE – “Ich wollte weg aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten. (…) Ich wollte an einen Ort, der mich nicht kennt“ (S. 3)
„Es passierte im Erlenpark ganz hinten jenseits der Kurzgrashügel. Auf dem Heimweg bin ich in die Parkmitte, in den runden Pavillon gegangen, wo an Feiertagen die Orchester spielten. Ich blieb eine Weile darin sitzen.“ (S. 3)
Heramnnstadt-Neptunbad
„Bleiverglasung ihrer Loge, der spiegelnde Steinboden, die runde Mittelsäule, die Wandkacheln mit dem Seerosenmuster, die geschnitzten Holztreppen“ (S. 4)
„die Halle erkannte mich, der blanke Boden, die Mittelsäule, die Blei verglasung am Schalter, die Kachelwände mit dem Seerosenmuster. Der kalte Schmuck hatte sein eigenes Gedächtnis, die Ornamente hatten nicht vergessen, wer ich bin.“ (S. 228)
Hermannstadt – Bahnhof
„Ich weiß nicht mehr, wie wir zum Bahnhof kamen. Die Viehwaggons waren hoch. Auch die Prozedur des Einsteigens habe ich vergessen, weil wir so lange Tage und Nächte im Viehwaggon fuhren, als wären wir schon immer drin gewesen. Ich weiß auch nicht mehr, wie lang wir fuhren. Ich war der Meinung, lange fahren heißt, weit weg fahren. Solang wir fahren, kann uns nichts passieren. Solang wir fahren, ist es gut.“ (S. 10)
Russland Steppe
„Es war schon die russische Nacht, Rumänien lag hinter uns.“ (S. 13)
„Der Wind kam von vorn, die ganze Steppe lief in mich hinein und wollte, dass ich zusammenbreche, weil ich mager war und sie gierig. lte, dass ich zusammenbreche, weil ich mager war und sie gierig. Hinter einem Krautfeld und einem schmalen Stück Akazienwald kam die erste Abraumhalde, dann Grasland, dahinter ein Maisfeld. Dann kam die zweite Abraumhalde. Erdhunde schauten übers Gras, braune Pelzrücken mit fingerlangen Schwänzen und bleichen Bäuchen standen auf den Hinterbeinen. Ihre Köpfe nickten, ihre Vorderpfoten waren zusammengelegt wie Menschenhände beim Beten“ (S. 151).
Lager NOWO-GORLOWKA (S. 44) Donbass
„Was sind wir doch für eine interlope Gesellschaft hier im Lager. Alles Leute von überall her, wie im Hotel, in dem man eine Zeitlang wohnt.“ (S. 36) „Niemand braucht einen Schlüssel hier im Hotel. Keine Rezeption, offenes Wohnen, Zustände wie in Schweden. (…) Wir wohnten alle fünf Jahre ganz dicht daneben – im Appell“ (S. 36)
„In der Baracke mit den 68 Bettgestellen und 68 Internierten mit ihren 68 Wattemonturen, 68 Mützen, 68 Paar Fußlappen und 68 Paar Schuhen dampfte trübe Luft.“ (S. 38)
„jeder Ort roch nach einem anderen Essen. Der Lagerkorso roch nach Karamell, der Lagereingang nach frischgebackenem Brot, das Überqueren der Straße vom Lager zur Fabrik nach warmen Aprikosen, der Holzzaun der Fabrik nach kandierten Nüssen, der Fabrikeingang nach Rührei, die Jama nach gedünstetem Paprika, die Schlacke der Abraumhalden nach Tomatensuppe, der Kühlturm nach gebratenen Auberginen, das Labyrinth der dampfenden Rohre nach Vanillestrudel. Die Teerklumpen im Unkraut rochen nach Quittenkompott und die Koksbatterien nach Zuckermelonen.“ (S. 121)
„Der Lagerhof ist ein leeres Dorf in der Sonne, die Zacken der Wolken sind Feuer.“ (S. 161)
„das Lager ein leeres Dorf in der Sonne (…) Mit der Bahnhofsruine und dem Kopf Steinpflaster begann ein Städtchen. Wir bogen in eine holprige, krumme Randstraße ein.” (S.103)
„Frauen ohne Zähne (…) einbeiniger Junge mit einer Krücke (…) Vagabunden liefen herum mit verbogenen Messern, Gabeln und Angelruten“ (S. 107)
Russendorf
„Alle zwei Wochen liefen im Kinotheater des Russendorfs Filme und Wochenschauen für uns Lagerleute. Russische, aber auch amerikanische und sogar requirierte UFA-Filme aus Berlin“ (S. 202)
„Die Landstraße war bucklig, der Lancia schepperte an den verstreuten Höfen vorbei. In manchen wuchsen hüfthohe Brennesseln, und darin standen Bettgestelle aus Eisen, auf denen weiße Hühner saßen, mager wie Wolkenfetzen (…) Ich sah nie Menschen in den Höfen. Ich wollte Leute sehen, die nicht im Lager leben, die ein Zuhause haben, einen Zaun, einen Hof, ein Zimmer mit einem Teppich, vielleicht sogar einen Teppichklopfer. (…) Hinter den Vororthöfen begann eine kleine Stadt aus ockergelben Häusern mit zerbröckeltem Stuck und rostigen Blechdächern. Zwischen den Asphaltresten versteckten sich Straßenbahnschienen. Auf den Schienen zogen ab und zu Pferde zweirädrige Karren aus der Brotfabrik.“ (S. 46)
„Es gab nirgends Ortsschilder. Wer fuhr und ankam, also Kobelian und der Lancia, kannte den Namen des Ortes. Und wer ortsfremd war, fragte nach ihm wie Karli Halmen und ich. Und wer niemanden zum Fragen hatte, fand nicht hierher und hatte hier auch nichts zu suchen.“ (S. 46)
„Wir fuhren wieder durch die kleine Stadt Nowo-Gorlowka über die Straßenbahnschiene, wieder an den Vororthöfen vorbei, auf der Landstraße unter den Wolkenfetzen der Steppe bis zum Lager. Und dann am Lager vorbei zur Baustelle.“ (S. 47)
„Das Zimmer war niedrig, in der Wand das Fenster so tief wie mein Knie“ (S. 57)
„Im Russendorf standen nackte Birken, darunter die Schneedächer wie krumme Betten in Luftbaracken. In dieser frühen Dämmerung war die Haut der Birken anders bleich als am Tag und anders weiß als Schnee.“ (S. 59)
Wench – Sommerhaus der Familie
„Unser Sommerhaus war auf der Wench, und der Berg gegenüber war das Schnürleibl…. Die Station hieß auf ungarisch Hetur und auf deutsch Siebenmänner. Auf dem Dach des Wärterhäuschens bimmelte die Glocke, weil der Zugjetzt in Danesch abfuhr….. Dann fuhren wir an der Badestelle vorbei, am Haus des Torna und am Feld vom alten Zacharias. Er bekam monatlich von uns zwei Päckchen Tabak als Wegmaut, weil wir durch seine Gerste mussten, wenn wir baden gingen. Dann kam die Eisenbrücke, unten wälzte sich das gelbe Wasser. Dahinter stand der zerfressene Sandfelsen mit der Villa Franca obendrauf. Da waren wir schon in Schäßburg. Wir gingen jedesmal gleich auf den Marktplatz ins elegante Cafe Martini.“ (S. 89)
Bukarest
„Ich sah mich als Elfjährigen im sommerlichen Bukarest, 1938, in der Calea Victoriei zum ersten Mal in einem modernen Kaufhaus, in der straßenlangen Bonbonabteilung (…)Das Kaufhaus hieß auch noch Sora – Schwester.“ (S. 145)