Handlungsort/ Setting: Stuttgart
Projizierter Ort/ Projected place: Banat
Route: Osten-Westen-Osten
Handlungszeit/ Time of action: 2001
Marker: Amerika
Stuttgart:
“Als Maria Kiefer am 10. März 2001 im Klinikum von Stuttgart stirbt, laut Todesurkunde um 12:00 Uhr, nach zwei Tagen im Koma, einen halben Tag nach ihrem 73. Geburtstag, hatte sie in den letzten sieben Jahren die Wohnung nur noch für Arztbesuche zur Überprüfung der Blutwerte, Zuckerwerte und eventueller Umstellung der Medikation verlassen, sich sonst im Rollstuhl in der Öffentlichkeit zu zeigen, hätte sie nicht akzeptiert.” (S. 7)
Das Dorf im Banat
“Maria Kiefer, geb. Kornibe. Diese Angaben in der Todesanzeige der „Banater Post”, der Zeitung der Banater Schwaben aus Rumänien in Deutschland, hätten Jugendliebe, die auch aus dem Dorf mit ehemals ungefähr 350 Einwohnern stammten und als Kinder ausgewandert waren, keiner Person mehr zuordnen können.” (S. 7)
“Obwohl ich weggezogen, blieb ich sozusagen ein Dorfkind, denn die Sommerferien verbrachte ich bis zum Beginn meines Studiums immer bei meinen Großeltern väterlicherseits, in deren Haus auch wir gewohnt hatten. Nach dem Tod meiner Großeltern verkaufte mein Vater das Haus mit dem kleinen Garten, damals noch kein Problem.” (S. 10)
“So in etwa. Das ist Schwäbisch. Schwowisch, hätten sie gesagt. Es ist aber nicht das Schwäbisch aus Deutschland, sondern Banatschwäbisch. Das unterschied sich von Dorf zu Dorf in erster Linie im Vokalismus, Verständigungsschwierigkeiten gab es aber keine, und niemand hätte von jemandem aus einem anderen Dorf den Vorwurf zu hören gekriegt: Wie redest du denn mit mir? Natürlich in seinem Schwowisch, seiner Muttersprache.” (S. 13)
“In den noch unsicheren Zeiten nach Ende des Krieges als das Gebiet der ehemaligen k.u.k. Monarchie aufgeteilt
wird dieser Teil des Banat an Rumänien fällt, übermachen die Großeltern ihrem Enkel nachdem nicht mehr zu
befürchten ist, daß er nun in Rumänien hätte Militärdienst leisten müssen ihren Besitz” (S. 19)
“Ein schöner Mann und ein schönes Haus, heißt es im Dorf, doch die Versuche der Heiratsvermittlung mit einer Bauerntochter aus dem Dorf oder mit einer aus den Nachbardörfern bleiben erfolglos. Die Großeltern nehmen schließlich, da es schon höchste Zeit ist, mit der ältesten
Tochter des Kleinbauern und Korbmachers Adam Haberkorn aus K., ebenfalls schon fast vierundzwanzig, vorlieb und machen mit deren Eltern die Heirat aus, obwohl sie, wie in W. gemunkelt wird, die jüngere Tochter bevorzugt hätten, wäre die nicht mit einem Schmiedegesellen durchgebrannt.” (S. 20)
“Sie werden am Gemeindehaus anhalten, warum es umständlich machen, im Dorf wüßte man ja, daß sie kommen, außer mit ein paar neugierigen alten Weibern hätten sie aber nicht zu rechnen, die Leute wären doch auf dem Feld, meint er.” (S. 46)
“Das Kirchweihfest wurde zu Martini gefeiert, fiel der 11. November auf einen Werktag am darauffolgenden Sonntag. Es hätte eigentlich zu Josef, dem Schutzpatron der Kirche von W. am 19. März stattfinden sollen, fiel dieser Tag auf keinen Wochentag, man hatte es aber auf Martini verlegt, weil um diese Jahreszeit mit besserem Wetter als im März zu rechnen war.” (S. 63)
Kleinstadt H.
“Erika war drei Jahre älter als ich, wir stammten aus demselben Dorf, meine Eltern aber waren, als ich in die 7. Klasse kam, in die Kleinstadt H. gezogen, einen Schritt, den nur sie aus dem Dorf gewagt hatten. Hier arbeitete meine Mutter in der Knopffabrik, wofür man keine Qualifikation brauchte, mein Vater in der Ziegelfabrik, wo physische Arbeit gefragt war.” (S. 9)
Sie hätten in da nur 5 Kilometer von H. gelegene Dorf woher meine Mutter stammt ziehen und mit dem Bus zur Arbeit pendeln können aber wenn schon, denn schon, hatten sie ich wohl gedacht auch in Hinblick auf die Möglichkeit, daß ich in H. das deutsche Lyzeum besuchen
konnte. Zudem war das Verhältnis meiner Mutter zu ihrer Familie, Eltern und Bruder, nicht besonders. Doch das ist eine andere Geschichte.” (S. 9)
Temeswar
“Erika fand nach Beendigung des Lyzeums eine Anstellung als unqualifizierte Arbeiterin in der Temeswarer
Schuhfabrik, machte dann eine technische Ausbildung, das Bestücken von Halbleiterspeichern, in dem neu gegründeten Betrieb, nach Beginn der Ausbildung die Tragödie: der Tod des Vaters im Alter von nur 40 Jahren, kurz davor war ihre Großmutter gestorben. Im Betrieb brachte sie es bis zur Schichtleiterin, heiratete einen Temeswarer, dessen Schwester eine Ehe mit einem emigrierten Banater Schwaben, bedeutend älter als sie, eingegangen war, wanderte schließlich mit ihrem Mann und dessen Eltern im Rahmen der sogenannten Familienzusammenführung nach Deutschland aus.” (S. 10)
“In Temeswar waren Erika und ich uns immer wieder mal begegnet, wir hatten aber keinen Kontakt gepflegt, auch hier war es so geblieben, bei der zufälligen Begegnung in Stuttgart jedoch waren wir übereingekommen, das zu ändern und hatten unsere Telefonnummern ausgetauscht. Sie würde sich freuen, wenn ich sie mal anriefe, hatte sie gesagt, ich daraus geschlossen, daß ich den ersten Schritt
werde tun müssen.” (S. 11)
“Da Erika, bis sie nach Temeswar gezogen war, praktisch ständig zu Hause gelebt und bei ihren späteren Besuchen
noch vieles mitgekriegt hatte, lag es auf der Hand, daß sie mehr Erinnerungen an das Dorf hatte als ich, dergleichen
Details aber machten mir klar, daß die Vergangenheit sie seit längerem intensiv beschäftigt haben mußte, die sich bloß in Hinblick auf unser Gespräch in Erinnerung zu rufen, wäre gar nicht möglich gewesen.” (S. 198)
Dorf W.
“Als sich das Gerücht, bei den Kornibes sei was Kleines unterwegs, bestätigt, herrscht unter den Frauen von W. helle Aufregung. Allein schon das Alter, neunundzwanzig, von Veronika Komibe, Komibe Vroni genannt, ist nichts Alltägliches, aber vor allem, daß sie erst nach sechs Jahren Ehe, als niemand mehr damit gerechnet hat, ein Kind erwartet, macht die Nachricht zur Sensation.” (S. 17)
“Bis am nächsten Tag weiß jeder aus W. , daß der Komibe Franz und die Kiefer Amei sich einig geworden sind und entgegen der Gerüchte, alles seinen rechten Weg gehen wird.” (S. 38)
Amerika
“Als nach vier Jahren, schon viele Familien sind in der Zwischenzeit nach Amerika, um Geld zu verdienen, keine Briefe mehr eintreffen, in denen man den Eltern stets mitgeteilt hat, man sei gesund, arbeite fleißig, gehen die zum Pfarrer, um sich einen Brief aufsetzen zu lassen, in dem die wichtigste Frage lautet: Wann kommt ihr wieder heim?” (S. 19)