Handlungsort/ Setting: Zürich, Budapest, Temeswar

Projizierter Ort/ Projected place: Temeswar

Route: Westen – Osten

Handlungszeit/ Time of action: 2000

Marker: Odessa

Schwarzmeerküste

„Es gibt sechs oder sieben Kurorte entlang der Schwarzmeerküste. Einige tragen Planetennamen, Neptun, Venus, Saturn, Jupiter heißen sie, und das will sagen, daß man sich ganz besonders fühlen soll, weit weg von den Fabriken und den Geschäften, die nur Buchstaben tragen. Die Kurorte sehen alle alle gleich aus, und deshalb weiß man nie, in welchem man sich gerade befindet. Dieser hier, wo Luca und ich jetzt im CH-Wagen sitzen, beim Hafendamm und mit den Gesichtern gegen Unendlich gerichtet heißt anders: Mangalia. Die Saison ist zu Ende, und dort, wo niemand mehr wohnt, sind die Fensterläden zugezogen. (…) Früher waren Neptun, Saturn, Venus, Jupiter oder Mangalia während der Saison ein Ameisenhaufen. Es gab sie gegen den Schmerz in den Knochen, gegen den Bluthochdruck, gegen die chronische Müdigkeit. (…) Männer und Frauen, Genossen und Genossinnenm stiegen in die Dacia-Autos und fuhren von überall her hierhin: aus den Hügeln und Bergen des Maramures oder der Moldau, aus dem reichen Banat oder der weiten Ebene Olteniens. Aus der Hauptstadt.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S, 8)

„Jetzt aber wirkt alles verlassen.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 9)
„Vor uns liegt das Meer. (…) Auf einer verlassenen Terrasse mit Namen Aurora liegt ein toter Hund. Der Damm geht zweihundert Meter ins Meer hinein, am Ende sind große Steine als Wellenbrecher aufgetürmt. Hinter uns liegt eine grüne Fläche mit Bänken und Bäumen. Das Gras ist von den Arbeiterfüßen nach der Früh-, Mittags- und Spätschicht platt getreten. (…) Doch daß es diese Fläche gibt, zeigt, daß sich jemand noch um die Rentner kümmert, die nur selten zum Strand gehen, weil sie die Sonne, das Licht, das Salzwasser und den Sand nicht mehr ertragen.“ (Wunderzeit 2002, S. 10)
„Nachts zappeln an der Küste Rumäniens Männer und Frauen herum. Sie sind die Mückenjäger der Nacht.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 16)

„das Sanatorium wurde für die Gebrechen der Arbeiterklasse gebaut. Während der Saison kommen Rentner mit Verbildungen und ohne D-Mark, Leute, die es wirklich brauchen, und mit ganz wenig D-Mark, und Geschäftsleute mit viel D-Mark und zweifelhaftem Ruf.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 21)

Budapest

“die lustige Baracke des Ostens hatte es immer geheißen, der Ort, wo es sich noch ein bißchen gut leben ließ.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 25)

„das Kent ein türkisches Lokal mit gutem Essen (…) Ich lief durch den 15. und 16. Bezirk zum Yppenplatz. Die Viertel lagen still da, (…) Am Yppenplatz ging ich in eine Wettbüro, um nach dem Weg zu fragen. Die halbe Nacht konnte man wetten. Hier wetten und im Kent essen. Das Licht war kalt und die Türen standen offen. (…) Es war schon immer so gewesen, daß ich den Osten schnell erkannte. An den Kleidern, den Dörfern, den Gesichtern, der Musik, der Natur, an der Melodie der Sprache. (…) Oft waren die Gesichter ähnlich zerfurcht. Oder die Fuhrwerke ähnlich gebaut. Oder die Schminke der Frauen ähnlich stark.“
“der Verkehr war flüssig, am Straßenrand gingen Huren auf und ab. (…) Sie trugen Latexkleidung, gewagt, mit Stiefeln, die bis übers Knie gingen.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 68)

„später bog ich in die Währinger Straße ein, fuhr bis zur Votivkirche am Roosvelt-Platz (…) Die Pension Votiv, die mir im Kent empfohlen worden war, lag in einer Seitenstraße des Platzes. (…) Die Decke hatte Brandlöcher und das Bett war nicht bezogen“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 69)

„der große Saal war bereits voll. Viele Männer mit Kindern und Ehefrauen und lärmig. Sie kannten sich alle und duzten sich. Viele Ostmenschen drunter und nur wenige mit bleicher Haut. Zwei mit bleicher Haut saßen eng beieinander man meinem Tisch. Wie zwei kleine Papageien, die sich ein Leben lang treu sind.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 69) 

„Ich ging auf die Straße (…) überquerte die Vaci utca, Benetton, Louis Vuitton, Cartier Geschäfte und blieb bei der Donau stehen, am Petöfi Platz“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 84)

Eszsebet Brücke, die Festung gegenüber der Brücke, „weitläufig und verwinkelt“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 89)

„es gab Gras und Bier und Schnaps und Jack Daniels und Bacardi Rum. (…) Es war alles fast wie drüben und ich war erstaunt darüber, daß neben Puskin so viel Platz für Bacardi war. (…) Sie waren alle so anders als ich sie erwartet hatte. Inzwischen war die Welt auch hier weitergekommen. Standbilder gab es nur in meinem Kopf.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 90-91)

„In Budapest fuhr ich durch den Stadtteil Obuda bis zur Donau und dann weiter über die weiße Erzsebet-Brücke bis zum Bahnhof Keleti. So stand es im Reisebuch geschrieben. Dort waren eine Menge Menschen, die einen von oben bis unten musterten und fragend anschauten oder so anschauten, daß man sich fürchten müßte. (…) Es waren Menschen aus ganz Osteuropa. (…) In einer kleinen Nebenhalle des Bahnhofs liefen Araber in Anzügen herum. Sie zählten dicke Bündel von Papierscheinen. Zwischen ihnen und vor allem am Eingang zur großen lärmigen Haupthalle warteten Fraun und Männer, ungarisch und pensioniert, mager und runzlig. Sie warteten, bis jemand aus den Westzügen sich näherte, die regelmäßig eintrafen, Berlin, Amsterdam, Wien. Dann öffneten sie zögernd ihre Taschen und zogen Bilder und Blätter mit Text heraus. Sie vermieteten ihre Wohnungen, ihre Zimmer, an Menschen aus Berlin, Amsterdam, Wien.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 78)

„auf jedem Stockwerk war ein offener Durchgang zu den Wohnungen, man konnte in den Hof hinunterschauen oder dann zum Himmel hinauf.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 81)

Balatonsee

„Flach und trostlos. Ganz Ungarn war da, Deutsche, Italiener, Österreicher, alte Männer auf der Suche nach jungen Frauen (…). In Europa hatte es sich herumgesprochen, daß Ungarn „die besten Muschis“ hatte.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 122)

Zürich

„Luca war nicht der Grund gewesen, weshalb ich Zürich verlassen hatte. Eher der Wunsch, an den Ort zurückzukehren, aus dem ich neun Jahre zuvor geschlüpft war.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 15)

„Nabel der Welt“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S, 22)
„Hort der Zivilisation“ (S. 157),

Merlin macht Leute am Bellevue-Platz an und dann kehrt er in die Anstalt zurück
die Leute gehen „in die Rote Fabrik oder das Kanzlei wenn sie genung von der Stille der Stadt hatten. Und von dem Gefühl, sanft erstickt zu werden.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S, 27)

„die Rote Fabrik, das Kanzlei, die besetzten Häuser, die illegalen Bars, unsere Orte der Wärme“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 28)

„Luca und ich gingen niemals hin aus Überzeugung, sondern nur aus Mangel an Alternativen. Die wenigsten, die dort waren, hatten eine klare Vorstellung davon, was sie wollten. (…) LSD, Speed, Heroin, Kokain, usw.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 28)

„Am Platzspitz hatte das Leben seine unerbitterlichsten Gesetze. Es starb sich dort, das wußten wir alle. Die Ambulanzen fuhren mit Blaulicht hinein und reanimierten die Süchtigen oder fuhren weg. (…) In Europa hatten wir einen guten Ruf. (…) Der einzige Austauschort zwischen uns und ihnen, zwischen diesseits und jenseits, war der Parkeingang. Dort kamen sie nach dem Rausch oder noch während des Rausches heraus und sackten irgendwo in den Parks und den Straßen der Stadt zusammen. (…) Sie waren eine schmutzige, zahnlose Geisterwelt. Aber eine sichtbare.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 41)

„Am Platzspitz hatte das Leben seine unerbitterlichsten Gesetze. Es starb sich dort, das wußten wir alle. Die Ambulanzen fuhren mit Blaulicht hinein und reanimierten die Süchtigen oder fuhren weg. (…) In Europa hatten wir einen guten Ruf. (…) De reinzige Austauschort zwischen uns und ihnen, zwischen diesseits und jenseits, war der Parkeingang. Dort kamen sie nach dem Rausch oder noch während des Rausches heraus und sackten irgendwo in den Parks und den Straßen der Stadt zusammen. (…) Sie waren eine schmutzige, zahnlose Geisterwelt. Aber eine sichtbare.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 41)

„Man hatte in Zürich die wichtigsten Orte eng um sich. Von dort aus, wo wir uns befanden, waren es vierhundert Meter bis zum Platzspitz und genauso viele bis zur Pension, in der Vater, Mutter und ich am ersten Tag in Zürich aufgewacht waren. Pension Martahaus. Wir waren damals von der Zähringerstraße zur Niederdorfstr. gegangen und weiter zum Limmatquai. (…) Linker Hand hatte man das Fraumünster und den Lindenhof, rechter Hand das Central und einen Zipfel des Bahnhofs. Vor uns das Wasser der Limmat. Vater nannte das Die Geographie des Exils.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 45)
„Nach dem ersten Tag an der Limmat veränderte ich mich. Mutter sagte einmal, ein Flackern in den Augen sei nicht mehr da gewesen.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 46)

„Im Kino aber war es anders. Die Kinosäle waren nachmittags leer und der Raum angenehm kühl. Sobald die Lichter erloschen, sich die Leinwand erhellte und die Musik losging, entspannte ich mich.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 46)

Temeswar

„das Bekannte (…) Die Stadt war groß und schön und magisch geblieben in meiner Erinnerung. In unserer leeren Wohnung, an der Straße 13. Dezember, 50 Meter über dem Boden, heiß im Sommer, kalt im Winter, hatte sich nichts verändert.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 35)

„Auf den Bildern meiner Kindheit ist (…) im Hintergrund unsere Wohnung, fünfzig Meter über dem Boden. Alles sehr vertraut: das Kanapee, das Bettsofa, die Bücherregale, das Schreibpult, die zwei Fernseher, das alte Radiogerät, die Teppiche am Boden (…) kriegte ich für wenig Geld, was ich brauchte.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 46)

„Das Badezimmer. Das Waschbecken mit dem Schaum des Waschmittels Dero und die blauweißen Körnchen. (…) Es gab ein großes und ein kleines Zimmer, nicht Schlafzimmer oder Wohnzimmer, sondern groß und klein. Im kleinen hingen oberhalb der Möbel aus Nußbaumholz meine schönen Poster. (…) Im großen Zimmer wurde gestritten, ferngeschaut und gefeiert (…) Ins große Zimmer kamen nachts die Geräusche der Welt. Das Radio knackte und summte und zischte.“ (Der kurze Weg nach HauseS. 58); „

“Da waren sie, die Kulissen, die ich mir gewünscht hatte.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 176)

„wir fuhren über die Calea Aradului. Die Menschen bewegten sich wie Geister“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 178)

„Nicht in Zürich, nicht anderswo, war mir etwas so nah gekommen wie hier. So ungefiltert in mich eingedrungen.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 179)

Arad

„vieles lag brach, anderes wurde halbfertig stehengelassen (…) eine kollektive Amnesie. (…) Der Asphalt war an vielen Orten aufgerissen. Dort kamen Gras, kleine gelbe Blumen und Sträucher hervor. Das Mutigste, was die Natur gegen den Verfall hatte. Hinter einer schiefen Bretterwand vierlief eine Art Röhrensystem parallel zur Straße, und auch das war vergessen worden. Es tropfte Flüssigkeit heraus. Sie sickerte in die Erde hinein, später kam sie aus den Wasserleitungen heraus. Waschen machte hier schwarz. Rechts also die Industrie und links Wohnhäuser wie große verrottete Bäuche von gestrandeten Schiffen. (…) Jetzt waren sie alle alt und fett geworden. Wenn man sie angebohrt hätte, wäre zuerst Öl herausgetropft., dann Alkohol und nachher die Galle.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 165)

„das alles war also bei mir zu Hause, und es stieß mich nicht einmal ab. Obwohl, wenn ich wirklich ehrlich war, ein bißchen anders hatte ich es schon erwartet. Ein bißchen mehr Farbe über dem Ganzen zumindest. Nicht soviel, wie die Frauen Schminke im Gesicht trugen. Wenig hätte genügt.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 169)

Rumänien – Landweg

„Km. für km. nach links und nach rechts war die Erde flach und am Horizont mit dem Himmel zusammengenäht. Lichter sah man keine, denn es gab kaum Dörfer. In den Dörfern aber war auch wenig Licht, eine, zwei Lampen, am Dorfeingang und vor der Kneipe. (…) Wo das Korn bereits geerntet war, war die Erde schwarz. Wo dann für den nächsten Samen gepflügt worden war, türmten sich Erdklumpen aufeinander. (…) Links Mais, rechts Sonnenblumen und geradeaus, der Straße entlang, Maulbeerbäume, Pappeln und Linden. (…) Mühlen, Kornspeicher, Wassertürme“ (S. 172)
„hier machte mich alles leicht, (…) Diese Erde hier hatte ich immer gemeint. Das reichte für den Augenblick.“ (Der kurze Weg nach Hause 2002, S. 173)

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